Mehrsprachigkeit und Hochschullehre : eine Tagung zur allgemeinen Sprachenpolitik der Universitäten und Hochschulen


Zuletzt aktualisiert: 12 Mar 2018

Ein armenisches Sprichwort sagt: „So viele Sprachen du kennst, so viele Male bist du ein Mensch.“ Auch Karl V. als Mann der Macht soll einen ähnlichen Satz gesagt haben: „Ein Mann, der vier Sprachen spricht, ist so viel Wert wie vier Männer.“ Dieser tiefsinnige Spruch könnte die europäische Devise „In Vielfalt geeint“ glücklich ergänzen.

In einem berühmten Kapitel seiner Kritik der Urteilskraft befand Kant, dass ein notwendiger Schritt zu dem, was er als einen gemeinen Sinn definierte, darin besteht: „An der Stelle jedes andern denken.1Und in einem kleinen Essai, den man lesen und wiederlesen sollte, La littérature en péril (S. 78), kommentierte Tzvetan Todorov dieses Zitat so: „Denken und fühlen, indem man die Sichtweise der anderen, realen Menschen oder literarischen Figuren annimmt, ist das einzige Mittel, um zur Universalität zu tendieren.2

Dies ist eine nicht sehr verbreitete Auffassung von Universalität, in der man eine mögliche philosophische Begründung der Mehrsprachigkeit sehen könnte.

Erstaunlicherweise ist manchmal zu hören, das heutige Englisch entspreche dem Latein früherer Zeiten. Es ist, als wolle man die Sehnsucht nach einer intellektuellen Ordnung benennen, die seit dem Umschwung des römischen Reichs ins Christentum (das um 370 Staatsreligion wurde) völlig von der Kirche beherrscht war, und das bis ins 17. Jhdt. Damals erfasste die Benutzung von Vulgärsprachen, begonnen von Dante (1265-1321), einem der Begründer des modernen Italienisch, wie Luther für das moderne Deutsch, die wissenschaftlichen Kreise um Descartes (den Discours de la méthode schrieb dieser 1647 zuerst auf französisch), und Galilei. Wie Descartes selbst erklärte, ging es darum, sich der Schwerfälligkeit und des Konformismus zu entledigen und gleichzeitig ein neues Publikum zu erreichen, das kein Latein (und welches Latein?) verstand.

Descartes war ein Meister der Kommunikation, denn der Discours de la méthode wurde später ins Lateinische übersetzt, sicher der Zweckmäßigkeit halber und um die Kirche zu schonen, sowie um Intellektuelle zu erreichen, die kein französisch konnten. Es ging jedoch auch um eine andere Dimension. Indem er sich an französisch denkende und schreibende Gebildete wandte, versuchte er die Entwicklung des Denkens außerhalb der Kirche voranzutreiben.

Nach Descartes und Galilei war das Lateinische also nicht tot. Es ist im übrigen überhaupt nicht gestorben, denn es ist immer noch zum mindesten die Amtssprache des Heiligen Stuhls, und es ist auch noch immer eine nie versiegende Quelle der Inspiration für unsere Sprachen, die mehr oder weniger vom Lateinischen abstammen. Aber im wissenschaftlichen Bereich ist Latein vor allem ein Kommunikationsinstrument für eine mehr- und vielsprachige wissenschaftliche Gemeinde geblieben. So konnten das Denken und die Wissenschaft auf lateinisch kommunizieren, aber nicht nur auf lateinisch, und beides wurde in verschiedenen Sprachen vorangetrieben. Bleibt ein entscheidender Unterschied: Während das Lateinische bis heute die Entwicklung unserer modernen Sprachen beflügelt, beschädigt sie das internationale Englisch, das ja mehr lingua franca als Kultursprache ist.

Der Ausgang der Affäre des Mailänder Politecnico: ein historisches Urteil

Heute ist die Problematik ungefähr die gleiche, und sie ist auf spektakuläre Weise wieder ans Licht gekommen durch ein Urteil des italienischen Staatsrats zur Affäre des Mailänder Politecnico.

Es gibt zwar ein europäisches Recht, aber keine europäische juristische Ordnung. Wäre es der Fall, so könnte die Entscheidung des italienischen Staatsrats vor dem Gerichtshof der Europäischen Union oder dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angefochten werden. Dieser Fall ist sehr unwahrscheinlich. Deshalb wurde von dem Rektor des Mailänder Instituts Politecnico, der sich klar, wenn auch widerwillig, der Entscheidung des Staatsrats gefügt hat, diese Möglichkeit natürlich nicht erwogen. Die Entscheidung des Staatsrats, die sich wiederum auf eine Entscheidung des italienischen Verfassungsgerichts stützt, ist deshalb endgültig und nicht anfechtbar.

Da die juristischen Ordnungen sich auf Staaten beschränken, ist es unmöglich, sich im französischen oder deutschen Recht auf diese Doppelentscheidung der italienischen Obersten Gerichte zu berufen, aber dennoch erregen diese historischen Entscheidungen unsere ganze Aufmerksamkeit.

Seit dem 28. Januar 2018 sind also sämtliche italienischen universitären und Hochschulstudiengänge, wenn sie ausschließlich auf englisch abgehalten werden, ungesetzlich und verfassungswidrig. Von jetzt an bedeutet „international“ im italienischen Recht, dass wenigstens zwei Sprachen im Spiel sind, eine Fremdsprache und italienisch, was im übrigen semantisch korrekt ist, „inter“ impliziert a priori zwei Entitäten. Was sagt nun genau der italienische Staatsrat? In Kürze:

- Zunächst konstatiert der Staatsrat, dass die Globalisierung existiert und Internationalisierung notwendig ist: „Die fortschreitende supranationale Integration der Rechtssysteme und die Erosion der nationalen Grenzen, welche die Globalisierung bestimmt, können ohne Zweifel auf vielseitige Weise diese oder jene Funktion der italienischen Sprache in Mitleidenschaft ziehen. Die Vielsprachigkeit der modernen Gesellschaft, die Benutzung einer bestimmten Sprache in gewissen Bereichen des menschlichen Wissens, die weltweite Propagierung einer oder mehrerer Sprachen, all dies sind Phänomene, die jetzt dem Wesen selbst der Verfassungsordnung assimiliert sind und die in den verschiedensten Anwendungsbereichen auf einer Ebene mit der Nationalsprache stehen“.

- Keinesfalls kann sich aber Internationalisierung auf eine einzige Sprache reduzieren: Die Phänomene der Internationalisierung dürfen die italienische Sprache nicht auf eine Randposition drängen: im Gegenteil, und gerade weil es diese Phänomene gibt, ist der Primat der italienischen Sprache nicht nur ein unverzichtbares Prinzip der Verfassung, sondern, weit von einer formellen Verteidigung eines Erbes der Vergangenheit entfernt, die unfähig wäre, die Veränderungen der Moderne zu verstehen, etwas noch weit wesentlicheres für die Weitergabe der historischen Identität und des kulturellen Erbes der Republik, sowie eine Garantie für die Bewahrung und Verbesserung des Italienischen als eines Kulturguts an sich.“

- und der Staatsrat liefert die Antwort auf diese beiden grundsätzlichen Prinzipien: es ergibt sich daraus, dass das Ziel der Internationalisierung erreicht werden muss, ohne dass die Verfassungsprinzipien hinsichtlich des Primats der italienischen Sprache, der Gleichheit des Zugangs zum Hochschulunterricht und der akademischen Freiheit angestastet werden“.

Der Staatsrat geht sehr weit in seiner Argumentation, die wir im Wortlaut auf der Internetseite des EFM

auf italienisch und französisch veröffentlichen.

Vergleich mit der französischen Rechtslage

Wollte man das ins französische Recht übernehmen, fällt auf, dass die Entscheidung des Staatsrats vollkommen mit Paragraf 121-3 des französischen Erziehungsrechts harmoniert, der in seiner jetzigen Form eine Übernahme von Paragraf 2 des Hochschul- und Forschungsgesetzes vom 22. Juli 2013 ist. Dort steht:

I. - Die Beherrschung der französischen Sprache und die Kenntnis zweier weiterer Sprachen sind grundsätzliche Unterrichtsziele.

II. Unterrichts- und Prüfungssprache, sowie die Sprache der Dissertationen und Facharbeiten in öffentlichen und privaten Lehranstalten ist französisch. Ausnahmen können zugelassen werden:

Unter diesen Voraussetzungen dürfen Ausbildungsgänge der Hochschulen nur in Teilen in einer Fremdsprache angeboten werden…

Die ausländischen Studenten, die fremdsprachige Ausbildungsgänge belegen, bekommen Unterricht im Französischen, wenn ihre Kenntnisse desselben nicht genügen. Eine genügende Beherrschung der französischen Sprache ist Bedingung für die Erwerbung des Diploms.

Für die französischsprachigen Studenten werden Kurse zur Beherrschung der Sprache angeboten, in der das jeweilige Lehrangebot abgehalten wird...“

Der volle Wortlaut dieses Texts findet sich hier.

Nun ist allerdings zu beobachten, dass dieser vor relativ kurzer Zeit, nach intensiver Debatte im Parlament verabschiedete Text vom Hochschul- und Forschungsministerium nur teilweise angewendet wird. Dazu zwei Beispiele:

- Der Jahresbericht 2016 zur Verwendung der französischen Sprache, der vom französischen Kulturministerium (DGLFLF) koordiniert wird, veröffentlicht zum ersten Mal die Ergebnisse der Anwendung des Gesetzes. Doch die Statistiken unterscheiden nicht zwischen auschließlich und partiell in englisch abgehaltenen Ausbildungsangeboten.

- In ihrer Rede vom 14. Februar zur Eröffnung der internationalen Tagung zur Förderung der französischen Sprache und zur globalen Mehrsprachigkeit, erwähnte die Ministerin Frédérique Vidal lobend ausschließlich in englisch abgehaltene Ausbildungsgänge als Illustration von Mehrsprachigkeit und fand die Tatsache positiv, dass 57% der Studenten nach Absolvierung der in englisch abgehaltenen Zyklen französisch sprechen. Bei diesen Studiengängen, die eigentlich von Französischkursen begleitet werden sollen (in drei von vier Fällen ist das nicht der Fall), um den Studenten den französischsprachigen Teil der Lehre zugänglich zu machen, sollten eben nicht nur 57% der absolvierenden Studenten französisch beherrschen, sondern 100%.

Tagung zur allgemeinen Sprachenpolitik der Universitäten und Hochschulen.

Das wirft die allgemeinere Frage der Sprachenpolitik der Universitäten und Hochschulen auf.

Die Rolle der Hoschschullehre in Belangen der Sprache birgt vielfältige Aspekte: Verhältnis zum Territorium, regionale Sprachen, Ausbildung der Lehrenden, Ausbildung der fachfremden Studenten, Anwendung auf die Hochschullehre des Ausbildungsziels 1+2+, usf. Sie geht über die Frage des Verhältnisses zur englischen Sprache hinaus, obwohl diese eigentlich zentral ist, weil sich die Politik vieler Lehranstalten auf diesen Aspekt beschränkt. Die sprachliche Dimension der Lehre und Ausbildungsgänge wird nirgends zum Gegenstand einer globalen Überlegung und noch weniger einer expliziten Sprachpolitik. Man befindet sich ganz allgemein im Bereich des Ungesagten und der Improvisation.

Als Hintergrund dieser verschiedenen Problematiken tauchen immer wieder grundsätzliche philosophische Fragen auf, die in den letzten Jahrzehnten hinreichend diskutiert wurden, wie die, ob die Begriffsbildung unabhängig von den Sprachen geschieht, ob die Übermittlung des Wissens und der Begriffe unabhängig von den Sprachen geschehen kann, ob in einer einzigen Sprache geforscht werden kann, ob Kreativität in einer anderen als der oder den Muttersprachen (unscharfer, aber hier in Ermangelung eines besseren benutzter Begriff) möglich ist, ob es sprachliche und kulturelle Ökosysteme gibt, ob die sprachliche Hegemonie nicht zu einer Uniformisierung des Denkens führt, usf. Wenn man bewusst oder unbewusst innerhalb einer einzigen sprachlichen Welt räsonniert, können diese Fragen Antworten bekommen, von denen gewisse Leute glauben, dass sie einfach sind, wie aber stellen sich die Fragen der Übermittungen von einer sprachlichen Welt in die andere oder zwischen verschiedenen sprachlichen Welten? Wenn man solche Fragen, die über Generationen hinweg gestellt werden, nicht beantwortet, muss man sich mindestens über die ungeheure Größe der Probleme im klaren sein.

Deshalb veranstaltet das EFM, in Zusammenarbeit mit der École polytechnique, der École des Ponts-ParisTech, den Universitäten Paris-Diderot-Paris VII, Cergy Pontoise und Straßburg, sowie der Vereinigung UPLEGESS (Union des professeurs de langues étrangères des grandes écoles) am 8. und 9. November 2018 in Paris, unter der Schirmherrschaft der Conférence des grandes écoles und des französischen Kulturministeriums (DGLFLF), eine internationale Tagung zur „allgemeinen Sprachenpolitik der Universitäten und Hochschulen“. Diese Tagung versteht sich als Fortsetzung der und Kontrapunkt zur Rede von Präsident Macron vom 26. September 2017 in der Sorbonne und zur Ministerkonferenz über den europäischen Raum der Hochschullehre (EHEA / EEES), die vom 23. bis 25. Mai 2018 in Paris stattfinden soll.

Zur Webseite der Tagung

1Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, § 40.

2Tzvetan Todorov, 2007, La littérature en péril, Flammarion