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Mehrsprachigkeit in der Literatur (G. Kremnitz)


Zuletzt aktualisiert: 17 Jul 2004

Wie Autoren ihre Sprachen wählen. Aus der Sicht der Soziologie der Kommunikation.

ISBN 978-3-7069-0270-0.

2004, 278 Seiten

Praesens Verlag

Zwei- oder auch Mehrsprachigkeit ist ein häufig vorkommendes Phänomen, weltweit möglicherweise weiter verbreitet als Einsprachigkeit. Was die schriftstellerische Tätigkeit anbetrifft, so gehen wir allerdings gewöhnlich davon aus, dass Autoren nur eine Sprache verwenden und zwar gewöhnlich die, welche sie als Muttersprache bezeichnen. Das hängt damit zusammen, dass das Schreiben als anstrengende, Konzentration erfordernde Tätigkeit angesehen wird. Autoren von Texten, die zur Veröffentlichung gedacht sind, stehen unter einem hohen Druck nicht nur sprachlicher Korrektheit, sondern auch ästhetischer und stilistischer Akzeptanz. Die öffentliche Kontrolle ist am genauesten für Texte mit literarischen Ansprüchen. Hinzu kommt, dass jedes Schreiben für die Öffentlichkeit auch ein Stück Exhibitionismus bedeutet: Jeder Autor gibt etwas von sich preis, nicht nur bewusst, sondern (oft mehr noch) auch unbewusst. Das verleitet einen vielfach dazu anzunehmen, dass Autoren eine genügende sprachliche Kompetenz, literarische Texte zu schreiben, nur in ihrer Erstsprache besitzen. Nicht zuletzt sind wir alle aus historischen Gründen von "Reinheitskriterien" beeinflusst, welche jede Mischung - der Sprachen, der Kultur, des Blutes - als gefährlich ansehen. Diese können sich bis zu Rassismen mit den schlimmsten Auswüchsen steigern. Dagegen geht heute die kulturwissenschaftliche Forschung davon aus, dass im Gegenteil das Aufeinandertreffen unterschiedlicher kultureller Praxen befruchtend wirkt und dass die großen "Fortschritte" in der Geschichte der Menschheit gewöhnlich mit solchen Kontakten in Zusammenhang gebracht werden können. Dazu gehört auch die Aufgabe der Vorstellung von der ausschließlichen Einsprachigkeit der Schriftsteller.