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Edito

Die Frankophonie hat eine schöne Zukunft vor sich

Zuletzt aktualisiert: 15 Mar 2019

Der 20. März ist der Internationale Tag der Frankophonie, eine Gelegenheit, eine Bilanz dieser eher unbekannten Realität zu ziehen. Einige sehen in ihr nichts als eine Ausweitung der französischen Sprache Frankreichs, deren Zukunft in ihren Augen düster ist. Andere sehen sie als koloniales Erbe, das dringend abgeschafft werden muss.

Wieder andere stellen sich darunter ein Reich der Literatur vor, eines der Hauptstücke einer weltweiten literarischen Republik. Diese Liste der Vorstellungen, die jeweils einen variablen Teil der Wahrheit enthalten, ist beträchtlich erweiterbar. Jedenfalls ist ein Klärungsversuch notwendig.

Beginnen wir damit, darauf hinzuweisen, dass es zwei „Frankophonien“ gibt. Erstens die Frankophonie der Französischsprachigen, die mit der Welt der Anglophonen, der Spanisch- , Portugiesisch-, Arabisch-, Chinesischsprachigen usw. vergleichbar ist.

Aber es gibt auch und nur in unserem Fall eine institutionelle Frankophonie, deren Anzahl der Mitgliedsländer eine kleine Hälfte der UN-Mitgliedsländer ausmacht.

Beginnen wir mit der Frankophonie der Französischsprachigen und sprechen wir dann über die institutionelle Frankophonie und worum es bei ihr auf globaler Ebene geht.

Seit dem berühmten Bericht von Professor David Graddol, The Future of English, der 1997 vom British Council veröffentlicht wurde, begann man, nicht nur muttersprachliche Sprecher zum Sprachraum zu zählen, sondern auch solche, deren Zweitsprache im Alltagsleben die bewusste Sprache ist, sowie drittens solche, die sie als Fremdsprache lernen oder gelernt haben. So gelangt man zu drei Kreisen: L1, L2 und EFL (English as a Foreign Language).

Im Jahr 1995 gab es 375 Millionen native Anglophone, ebenfalls 375 Millionen Zweitsprachler, sowie 750 Millionen „Fremdsprachler“. Natürlich ist diese Einteilung relativ und vor allem ist sie evolutiv, denn EFL-Sprecher können in die L2-Kategorie, und solche der L2 in die L1 übergehen. Im letzteren Fall genügt es, dass die Weitergabe der Muttersprache in der Familie und durch die Schule zufriedenstellend erfolgt, und so kann ein L2-Sprecher ohne weiteres in die L1-Kategorie gelangen. Dabei muss betont werden, dass die Genauigkeit der Daten für die Kategorie L2 geringer ist als für die Kategorie L1 und für die Kategorie EFL noch niedriger als für die beiden anderen.

Es muss auch hinzugefügt werden, dass in Graddols Bericht nur der Anteil der Anglophonen in L2 und EFL geschätzt wurden, während bei den Sprechern der anderen Sprachen nur die Muttersprachler gezählt wurden, was einen seriösen Vergleich unmöglich machte.

Namentlich für die französische Sprache wurden 1995 72 Millionen Sprecher gezählt.

Eine interessante Zusammenstellung aller vorhandenen Quellen findet sich auf Wikipedia1, um Vergleiche dieser „drei Kreise“ zu erhalten.

Diese in grafische Form übertragenen Zahlen - aus Platzgründen beschränken wir uns auf Englisch und Französisch - stellen sich so dar:

 

Trois cercles en1 de  Trois cercles en2 de 
 Trois cercles fr2 de  Trois cercles fr2 de

Diese beiden letzten Grafiken für Französisch erfordern einen Kommentar. Das linke, das 235 Millionen in L1 anzeigt, basiert auf dem Internationalen Observatorium für die französische Sprache (OIF), während das rechte eine Rekonstruktion ist, die die Daten für Französisch und Englisch vollständig vergleichbar machen soll. Tatsächlich zählt das OIF nicht die „Einheimischen“ stricto sensu, da der Begriff „Einheimische“, der sich in Wirklichkeit auf die „historischen Nationen“ bezieht, von zweifelhafter Legitimität ist. Bestimmte Frankophone in Abidjan, um nur ein Beispiel zu nennen, sind genauso „einheimisch“ wie bestimmte Frankophone in Frankreich.

Es ist anzumerken, dass die Zählung des OIF ein Minimum darstellt, da sie auf verschiedenen Quellen basiert und versucht, nur die Zahl der Sprecher mit einem Ausdrucksniveau zu schätzen, das es ermöglicht, sie als französischsprachige Sprecher zu kennzeichnen.

Andere Zählweisen ergeben sich aus der Einwohnerzahl von Ländern mit Französisch als Amtssprache. Dies ist der Fall des CERLF (Centre d'études et de recherche sur le monde francophone) und der FERDI2, die auf folgende Weise einen Sprachraum definiert:

Ein Sprachraum, wie er im Bericht Le poids économique de la langue française dans le monde (2013) definiert ist, umfasst jedes Land mit mehr als 500.000 Einwohnern, das eine der folgenden Bedingungen erfüllt:

- de jure-Dimension: Die betrachtete Sprache ist die Amtssprache;

- de facto-Dimension: ein erheblicher Teil (20%) der Bevölkerung spricht die betreffende Sprache (einige Länder können daher gleichzeitig mehreren Räumen angehören).

Man sieht: die Absichten sind nicht die gleichen. Nach den FERDI-Kriterien3 hätte der englischsprachige Raum 2,5 Milliarden Menschen, während der französischsprachige Raum 480 Millionen oder ein Fünftel der englischsprachigen Welt hätte, wobei der französischsprachige Raum hinter dem englischen und dem Raum des Mandarin der drittgrößte Sprachraum ist.

Es ist sinnvoll, mit Größenordnungen umzugehen.

Und wenn Prognosen über die Zukunft gemacht werden, hängen sie von zwei Faktoren ab: von der demografischen Perspektive, die die Vereinten Nationen für jedes Land und jede Region der Welt erstellt haben, und von der Perspektive der Schulbildung. Letzterer Faktor zählt nicht, wenn die Zählung auf den Amtssprachen basiert, aber er ist genauso entscheidend wie der erste Faktor, wenn man sich auf die IFM-Methode bezieht. Angesichts der Bedeutung Afrikas, das heute mehr als 59% der Frankophonen ausmacht (15% in Nordafrika, 44% in Subsahara-Afrika und Staaten am Indischen Ozean), ist in jedem Fall der französischsprachige Raum der stärkste. Es ist zu hoffen, dass der in vielen Ländern bereits sehr weit fortgeschrittene demografische Wandel (Verringerung der Sterblichkeit, gefolgt von einer Verringerung der Geburtenzahl) schneller vonstatten gehen wird. Tatsache ist, dass im französischsprachige Raum bis 2065 mehr als eine Milliarde oder ein Viertel des englischsprachigen Raums (4 Milliarden) Menschen leben werden, während die durchschnittlichen Prognosen 711 Millionen für den arabischsprachigen Raum und 586 Millionen für den spanischsprachigen Raum ergeben.

Kommen wir nun zur institutionellen Frankophonie, der OIF. Ihr gehören 88 Staaten und Regierungen an (61 Mitglieder und 27 Beobachter), und sie ist eine vollwertige internationale Organisation, die von einigen als Erbin des Kolonialreichs angesehen wird, was sie nicht ist. Anders als Großbritannien beim Commonwealth hat sich Frankreich nicht an seiner Gründung beteiligt. Auf drei Staatsoberhäupter, Léopold Sedar Senghor, Präsident des Senegals, Diori Hamani, Präsident von Niger und Habib Bourghiba, Präsident von Tunesien, gefolgt von Prinz Norodom Sihanouk, geht die Unterzeichnung am 20. März 1970 in Niamey durch Vertreter von 21 Staaten und Regierungen des Übereinkommens zur Errichtung der Agentur für kulturelle und technische Zusammenarbeit (ACCT) zurück. Ab 1986 wurde auf Initiative von François Mitterrand die Praxis der Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs alle zwei Jahre festgelegt, und 1995 gab sich die Organisation einen Generalsekretär, deren erster der Ägypter Boutros Boutros-Ghali, ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen, war, dem Abdou Diouf, ehemaliger Präsident der Republik Senegal, 2002 nachfolgte. Und 2005 wird auf der Ministerkonferenz in Antanananarivo (Madagaskar) die Bezeichnung „Organisation internationale de la Francophonie“ beschlossen.

Gemäß ihres Ursprungs konzentrierte die OIF ihre Tätigkeit auf Fragen der Entwicklung und der technischen und kulturellen Zusammenarbeit.

Die Tagesordnung des Gipfeltreffens von Versailles 1986 wurde über vier Themenbereiche ausgerichtet: Entwicklung, Kultur- und Kommunikationsindustrie, Sprachenindustrie und technologische Entwicklung im Zusammenhang mit Forschung und wissenschaftlicher Information.

Im Laufe der dolgenden Gipfeltreffen kamen zu den Themen Kultur und Bildung, den ursprünglichen Bereichen der frankophonen Zusammenarbeit, der politische Bereich (Frieden, Demokratie und Menschenrechte), nachhaltige Entwicklung, sowie digitale Wirtschaft und Technologien hinzu. Das Institut de la Francophonie pour le développement durable (IFDD) wurde 1988 in Québec und das Institut de la Francophonie pour l'éducation et la formation (IFEF) 2015 in Dakar gegründet.

Natürlich ist es legitim sich zu fragen, welche die strategischen Herausforderungen der Frankophonie auf globaler Ebene sind.

Jeder kann sich seinen eigenen Reim darauf machen. Wir geben hier den des EFM wieder.

Worum es in erster Linie geht, ist die Mehrsprachigkeit.

Das ist nicht unbedeutend, denn es handelt sich um einen ideologischen Wandel auf globaler Ebene. Die Einsprachigkeit ist eine Ideologie, die behauptet, dass alle Realitäten auf eine einzige Sprache reduziert werden können, die dominante Sprache natürlich, d.h. die Sprache des Landes, das alle anderen dominieren will. Anders ausgedrückt geht es bei der Monolingualität auch darum, die Realität auf das reduzieren zu wollen, was die eigene Sprache sagt, eine eigene Welt, ein Wesen an sich. Dies wird auch als Essentialismus bezeichnet.

Mehrsprachigkeit ist das Gegenteil. Man könnte sagen, dass man nie genug Sprachen hat, um alles auszudrücken. Deshalb müssen die Sprachen erhalten bleiben, aber gleichzeitig müssen sie sich ständig weiterentwickeln. Es ist eine andere Welt.

Und unter diesem Gesichtspunkt ist die französischsprachige Welt, im Gegensatz zu vielen völlig falschen Darstellungen, die mehrsprachigste, die es gibt, und das liegt nicht an Europa, sondern an Afrika. Léopold Sedar Senghor sagte immer wieder „In den Trümmern des Kolonialismus fanden wir jenes wunderbare Werkzeug, die französische Sprache“. Zu keiner Zeit in ihrer Geschichte entsprach die französische Sprache der französischen Nation, auch wenn die französische Monarchie eine grundlegende Rolle bei ihrer Ausstrahlung und ihrer Expansion spielte. Aber wenn nach Senghors Gedanken die französische Sprache eine Gabe Frankreichs ist, so ist umgekehrt die Mehrsprachigkeit eine Gabe Afrikas.

Dies ist unserer Meinung nach eine sehr gute Grundlage für Überlegungen zur Globalisierung.

Im übrigen ist bekanntlich Afrika der Kontinent, der sich bis zum Ende dieses Jahrhunderts am stärksten entwickeln wird. Die Entwicklung der Erde und die Demographie haben so entschieden. Die Zukunft der Erde liegt also weitgehend in Afrika, dem Kontinent mit der größten Anzahl von Sprachen, der aber auch 4 internationale Sprachen besitzt, die ebenfalls zu afrikanischen Sprachen geworden sind, nämlich Englisch, Französisch, Portugiesisch und Spanisch. Und wie wir bereits sagten, stellt Afrika heute fast 60% der Frankophonie und morgen mehr als 80% dar. Die Herausforderungen der Frankophonie sind also die Herausforderungen Afrikas. In Afrika sind die Übermittlung afrikanischer Sprachen und gleichzeitig die Aneignung internationaler Sprachen zwei komplementäre und nicht miteinander konkurrierende Problembereiche, die wirklich entscheidend und eng mit der Entwicklung verbunden sind.

Nach der Mehrsprachigkeit ist die zweite Herausforderung die Bildung.

Angesichts der großen Zahl junger Menschen in der Bevölkerung sind die Effizienz und Qualität der Bildungssysteme der erste Hebel der Entwicklung. Dabei spielt eindeutig eine sprachliche Dimension eine Rolle, die seit vielen Jahren als Schlüssel für die Bildungsprozesse anerkannt ist. Es geht um das Verhältnis zwischen den lokalen Sprachen und den Unterrichtssprachen, die die bereits erwähnten internationalen Sprachen sind. Viele frankophone Regierungen haben sich verpflichtet, mit der OIF zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass die lokalen Sprachen, wo immer möglich, im Bildungswesen, insbesondere in den Grundschulklassen, verwendet werden, um sowohl den Unterricht, und dazu gehört das Erlernen des Französischen, zu verbessern, als auch die Übermittlung der lokalen Sprachen zu erleichtern.

Die dritte große Herausforderung ist natürlich die der wirtschaftlichen Entwicklung, die nur dann nachhaltig sein kann, wenn sie auf zwei Bedingungen beruht: der Effizienz und Qualität der Bildung sowie der politischen Stabilität und einer guten Verwaltung.

Schließlich die vierte große Herausforderung: Die afrikanische und frankophone Dimension muss von Europa vollständig angenommen werden.

Das globale Gleichgewicht ist nicht mehr das, was es zur Zeit des Kalten Krieges oder in den Jahren nach dem Zusammenbruch des Sowjetblocks war.

Heute haben wir zwei Supermächte, die Vereinigten Staaten und China, die wirtschaftlich und technologisch gegeneinander stehen. Die Vereinigten Staaten führen einen totalen Wirtschaftskrieg mit Geheimdienst, Spionage und juristischen und finanziellen Zwängen, dessen die Europäer, die eher als Vasallen denn als Verbündete und eher als Rivalen und Gegner denn als Partner behandelt werden, letztendlich kollaterale Opfer sind. Es ist nicht unerheblich, daran zu erinnern, dass der Militärhaushalt der Vereinigten Staaten fast 40% der weltweiten Militärausgaben ausmacht, d.h. dreimal so viel wie die des unmittelbaren Gegners. Es ist daher an der Zeit, dass Europa eine geostrategische Sicht entwickelt.

Ohne ins Detail zu gehen, liegt es uns fern, alles auf sprachliche Fragen zu reduzieren. Aber es ist klar, dass es nur wenige Themen gibt, in denen Sprach- und Bildungsfragen unerheblich sind. Darum vor allem wird es während der 5. Europäischen Konferenz über Mehrsprachigkeit gehen.


1 https://fr.wikipedia.org/wiki/Liste_de_langues_par_nombre_total_de_locuteurs

2 Fondation pour les Études et Recherches sur le Développement International (FERDI)

3https://fr.wikipedia.org/wiki/Espaces_linguistiques