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Die Stunde der Mehrsprachigkeit


Zuletzt aktualisiert: 19 Okt 2019

Das Römische Reich war nicht einsprachig, sondern zweisprachig, denn die römischen Eliten entdeckten den vollen Wert der griechischen Kultur und Sprache, die für sie geistige Nahrung waren. Jeder kennt den Brief von Gargantua an Pantagruel in Kapitel 8 des Pantagruel von Rabelais, in dem Gargantua, noch bevor er die lange Liste der grundlegenden Kenntnisse, die in den Naturwissenschaften, den Künsten, dem Recht, der Geschichte und den Religionen erworben werden sollen, an seinen Sohn schrieb: "Ich will und wünsche, dass du die Sprachen vollkommen lernst: zuerst das Griechische, wie es Quintilian will, dann das Lateinische und dann das Hebräische für die Heiligen Schriften und ebenso das Chaldäische und Arabische; und dass du deinen Stil bildest, was das Griechische betrifft, wie Platon, und im Lateinischen wie Cicero".

Weniger bekannt sind vermutlich Diderots Empfehlungen an die Kaiserin Katharina II. in seiner Denkschrift für Katharina II., Diderot, der in seiner Enzyklopädie die Programme der französischen Universität seiner Zeit kritisierte, welche, einer mittelalterlichen und "gotischen" Tradition treu geblieben, auf Latein, Griechisch, Rhetorik und aristotelischer Logik fußte1. Er sieht drei Stufen in der Bildung vor. Einfach "gut lesen, gut schreiben für die erste Stufe, ein wenig Arithmetik; die zweite Stufe wird ein vertieftes Studium von Wissenschaft und Logik ermöglichen; die dritte "führt zum Stand eines Gelehrten". Es werden gelernt: "die russische Sprache aus Prinzip, die lateinische Sprache, die griechische Sprache, die italienische, englische und deutsche Sprache" (S. 662). Dies ist genau der Sprachraum der europïschen Aufklärung2.

Eine revolutionäre Öffnung: In seinem Plan für eine Universität vertritt Diderot die Ansicht, dass "eine Universität eine Schule ist, deren Tür gleichermaßen für alle Kinder einer Nation offen ist und in der vom Staat besoldete Lehrer sie in elementare Kenntnisse aller Wissenschaften einführen" (S. 749)..... Unnötig daran zu erinnern, dass Diderot zu einer Zeit schrieb, als Bildung den Privilegierten vorbehalten war und im Wesentlichen von Ordensleuten übermittelt wurde? »

Haben sich die Dinge heute geändert, wo Englisch überall zu dominieren scheint? In Wirklichkeit sind einige Grundtatsachen unverändert. Was Sprachen betrifft, ist die Elite noch immer mehrsprachig. In den erwähnten Alten Zeiten richtete sich das Bildungsideal zuerst an die Oberschicht, und die neue Idee, die sich ab Ende des 17. Jahrhunderts herausbildete und die von Diderot und Condorcet einige Jahre vor der Französischen Revolution wieder aufgegriffen wurde, war, dass die Schule alle Klassen der Gesellschaft erreichen sollte. Aber die Idee ist damals viel eher, ein elitäres oder aristokratisches Modell zu demokratisieren, als eine zweitklassige Bildung zu vermitteln.

Der gemeinsame Nenner dieser Mehrsprachigkeit, von der Antike bis zur Gegenwart, ist der Wissensdurst, der auf der Fähigkeit beruht, auf Originalwerke in verschiedenen Sprachen zuzugreifen, was weit entfernt ist von den höchst bescheidenen Bildungsanforderungen unserer Zeit. Für sie hat das Erlernen von Fremdsprachen überhaupt kein Erkenntnisinteresse, es geht einfach darum, fast überall auf der Welt mit einem minimalen linguistischen Hintergrund zurechtzukommen. Genau das bedeutet der Begriff des "English of International Communication", d.h. verständlich ausgedrückt, einer Sprache, die dem Englischen ähnelt, aber kein Englisch ist.

Tatsächlich setzt das den Sprachunterricht, in diesem Fall des Englischen, auf fast nichts herab.

Diese Reduktion der Sprache auf ein bloßes Kommunikationswerkzeug ist bis heute ein fester Bestandteil der Lehrpläne und wurde jahrzehntelang von vielen Sprachwissenschaftlern weit verbreitet. Leider basiert sie auf einer falschen Vorstellung.

Es war Chomsky3, ziemlich unerwarteterweise, der in What kind of creatures are we?4, die Dinge zurechtrückte, indem er erklärte, dass "Sprachen keine vom Menschen entworfenen Werkzeuge sind, sondern biologische Objekte von der gleichen Art wie das Sehvermögen oder das Verdauungssystem". Und er führt weiter aus, anknüpfend an das "Kommunikationskonzept", dass dieses "weitgehend an Bedeutung entbehrt und lediglich als Oberbegriff für verschiedene Formen der sozialen Interaktion dient". Es spielt also "eine Rolle - wenn auch eine untergeordnete - bei der konkreten Verwendung der Sprache", aber das Wesentliche ist, dass dieses Dogma von der Sprache mit Kommunikationsfunktion "keine Grundlage an sich hat, und genügend schlagkräftige Tatsachen sprechen jetzt dafür, dass es einfach falsch ist. Sprache wird sicherlich manchmal für die Kommunikation verwendet, ebenso wie Kleidungsstile, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und vieles mehr. Die grundlegenden Eigenschaften der Spracharchitektur bestätigen jedoch die Lehren einer reichen philosophischen Tradition, für die Sprache im Wesentlichen ein Instrument des Denkens ist5". Chomsky tritt damit in die Fußstapfen von Vico, Leibniz, Humboldt und vielen anderen6. Um in der Formulierung noch weiter zu gehen, ist Chomsky der Ansicht, dass "es keinen Grund gibt, an der grundlegenden kartesischen Idee zu zweifeln, dass die Verwendung von Sprache eine kreative Dimension hat". Tatsächlich hatte Descartes nichts erfunden und stellte seinen Zeitgenossen nur den Gedanken zur Verfügung, der vollständig in dem Wort "Poesie" enthalten ist, das sich aus dem altgriechischen ποίησις (poiesis) ableitet, wobei das Verb ποιεῖν (poiein) "machen, (er)schaffen" bedeutet.

Jene rein instrumentale Auffassung von Sprachen, die sowohl in der Lehre der Schulen als auch in der gesamten allgemeinen Kultur vorherrscht, in der Sprache als Tatsache dramatisch fehlt, dürfte jede Motivation bei Kindern und Jugendlichen und ihren Lehrern auslöschen.

Wir erinnern uns an eine große nationale Debatte über die Schule, die zwischen September 2003 und März 2004 stattfand. Es ist symptomatisch festzustellen, dass in dem 550-seitigen Bericht, der unter dem Titel "Les Français et leur École" veröffentlicht wurde, lebende Fremdprachen als Basisfächer nicht vorkamen und dass lediglich 3 bedeutungslose Zeilen auf Seite 380 den modernen Sprachen gewidmet waren.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass in den letzten 15 Jahren keine ernsthaften Fortschritte beim Sprachenlernen erzielt wurden, weder in Frankreich noch in den meisten europäischen Ländern.

Im französischen Lehrplan für lebende Fremdsprachen für das zweite Jahr der Sekundaroberstufe, herausgegeben vom Conseil supérieur des programmes stößt man auf eine überraschende Präambel:

"Die Globalisierung des Austauschs, die Stärkung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt der Gesellschaften und die Entwicklung der elektronischen Kommunikation machen die Rolle der lebenden Sprachen heute noch wichtiger. Um an diesen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklungen uneingeschränkt teilhaben und sich selbstbewusst und ohne Bedenken in die heutige Welt integrieren zu können, ist es unerlässlich, dass die französischen Schüler ausreichende Kenntnisse der lebenden Fremdsprachen, insbesondere im Bereich der mündlichen Kommunikation erwerben."

Sehr klar wird, dass Sprachen, und zwar weder die Muttersprache noch Fremdsprachen, für die Bildung des Geistes, für die Entdeckung und die Konstruktion einer echten Bildung keine Rolle spielen.

Eine kleine Einschränkung jedoch im dritten Absatz: "Bei der Festigung seiner Sprach- und Kommunikationsfähigkeiten vertieft der Schüler vorrangig seine Kenntnisse der geografischen und kulturellen Bereiche der Sprachen, die er in der Oberstufe lernt, und öffnet sich neuen Welten und Räumen durch eine Präsentation ohne Schablonen und Vorurteile."

Aber es wird deutlich, dass es sich um eine falsche Priorität und um lebloses Wissen handelt, denn es geht darum, sich an eine Welt anzupassen, auf die niemand die Macht hat einzuwirken. Dass die Sprache eine Freiheit und eine Macht ist, davon ist nie die Rede.

Die Ausstellung einer Sprachzertifizierung ist offensichtlich so ähnlich wie die eines Führerscheins, der sowohl unerlässlich als auch lächerlich zugleich ist. Leider kann das nicht gekauft werden, denn wenn es möglich wäre, könnte man sich das Lernen sparen.

Die Abwertung der Sprachen geht natürlich mit einer Faszination für Englisch und einer Vernachlässigung der anderen Sprachen einher. Selbst wenn die extreme Polarisierung auf Englisch dazu beiträgt, das Sichtfeld auf die Welt eher einzuschränken als zu erweitern und eine nur allzu prägnante Vorherrschaft zu verstärken.

Wenn daher die Zertifizierung in englischer Sprache einem Führerschein entspricht, ist es für Familien ganz normal, nur auf das Englische zu setzen.

Die Attraktivität des Englischen ist die Anwendung eines anthropologischen Gesetzes, das von Pierre Frath7 im Gefolge von Jean Calvets Gravitationsmodell der Sprachen8 problematisiert wurde. Es ist ein Gesetz, das immer funktioniert hat und heute in allen sprachlichen Kontexten weltweit besonders gut funktioniert9. Die Herausforderung besteht darin, sich und seinen Kindern eine bessere Zukunft zu sichern und sozial aufzusteigen. Dies ist die eigentliche Triebkraft für die Sprachpräferenz für Englisch, ebenso wie für das Verschwinden so vieler Sprachen in der Welt.

Auch dieser Gedanke fusst auf einer offensichtlich falschen Prämisse.

In Ländern, in denen Mitte des letzten Jahrhunderts die Zahl der Einschulungen in die Sekundarstufe noch recht niedrig war und das Sprachenlernen nur relativ wohlhabende Gruppen betraf, ist es verständlich, dass das Englische Aufmerksamkeit erregte und dass mit zunehmender Demokratisierung des Bildungswesens die anderen Sprachen einen raschen Rückgang ihrer Position erfuhren, insbesondere in Frankreich, wo das Sprachenangebot reichhaltig war.

Es ist überraschend, dass diese undifferenzierte Vorliebe für das Englische bis heute anhält. Denn die Welt hat sich verändert.

Auf der letzten Europäischen Tagung über Mehrsprachigkeit, die im Mai 2019 in Bukarest stattfand, kam aus Stellungnahmen mehrerer Unternehmen zu Tage, dass die öffentliche Meinung weit hinter den Unternehmen selbst zurückliegt. Für diese ist die Frage der englischen Sprache überholt. Natürlich ist es wichtig, Englisch korrekt zu beherrschen, und das umso mehr je weiter man in der Hierarchie aufsteigt. Aber der Bedarf nach Sprachen beschränkt sich nicht auf Englisch, er ist Funktion der Gebiete, der Kunden und Partnern. Außerdem ist die Frage nicht begrenzt auf Sprachen. Die gewünschte Kompetenz ist auch eine kulturelle. Notwendig ist das Verständnis der jeweiligen Werte, Verhaltensweisen, hierarchischen Beziehungen, Verhandlungen usw.. Und Englischkenntnisse aus dieser Sicht reichen überhaupt nicht aus. Die wahren "Eliten" wissen das alles sehr gut, prahlen aber nicht damit.

Es sei auch darauf hingewiesen, dass Sprachkompetenz einen wirtschaftlichen Einfluss hat, sowohl was die Leistung des Unternehmens betrifft, als auch, das eine geht nicht ohne das andere, für jeden Einzelnen. Mangelnde Englischkenntnisse sind oft ein Hindernis für die Einstellung und die Laufbahn, aber Mehrsprachigkeit ist ein viel größerer Vorteil als Englisch allein. Eine gute Zweitsprache bedeutet sofort einen Vorteil gegenüber dem Einsprachigen. Englisch ist kein Trumpf, aber es nicht zu können ist ein Hindernis auf dem Arbeitsmarkt. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Analogie zum Führerschein sinnvoll.

Das Erlernen von Englisch als einziger Sprache sieht also nach Armenschule aus, trotzdem sehen viele Eltern Englisch immer noch als letzte Rettung für ihre Kinder, eine Garantie für sozialen Fortschritt, wenn es ein Weg ist, Ausgrenzung zu vermeiden.

Daher ist es notwendig, das Vorurteil vom ausschließlich Englischen zu bekämpfen. Aber Einstein hätte gesagt, dass es schwieriger ist, ein Vorurteil zu spalten als ein Atom.

Also, unermüdlich die richtigen und einfachen Ideen immer wiederholen, ihnen die bestmögliche Einkleidung verpassen, simple Marketing-Argumente auf edlere Ziele umlenken, das ist vielleicht das Einzige, wozu wir fähig sind...

Aber vor allem müssen wir verstehen und zu verstehen geben: Mehrsprachigkeit ist viel besser als das ausschließlich Englische, denn Mehrsprachigkeit ist eine, im Sinne der Alten, poetische, eine kreative, wie wir heute sagen würden, Auffassung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

1Artikel Collège der Enzyklopädie (S. 752).

2Didier Béatrice. Quand Diderot faisait le plan d'une université. In: Recherches sur Diderot et sur l'Encyclopédie, n°18-19, 1995. S. 81-91; doi : https://doi.org/10.3406/rde.1995.1292, https://www.persee.fr/doc/rde_0769-0886_1995_num_18_1_1292, S.88.

3Wir zitieren Chomsky, weil er berühmt ist, aber er ist nicht der einzige.

4Quelle sorte de créatures sommes-nous ?, Noam Chomsky, 2016, Lux, S. 27 - 29, Originaltitel What kind of creatures are we?, Columbia university press.

5Man bedauert vielleicht, dass Chomsky die Begriffe "Instrument des Denkens" oder "instrument of thought" verwendet, wo er doch eine ausschließlich instrumentelle Auffassung der Sprache in Frage stellt, die heutzutage überall vorherrscht, in den Hochschulen ebenso wie in der öffentlichen Meinung. Das ist wahrscheinlich das Ergebnis einer einfachen Formulierschwierigkeit. Leibniz vertrat den Gedanken von der Sprache als einem "Milieu", dem Humboldt widersprach, für den "uns die (äußere wie auch innere) Welt durch die Sprache gegeben ist, sie wird uns immer durch eine bestimmte Sprache gegeben". Chomsky übernimmt diesen Standpunkt und zitiert Humboldt: "Recht eigenartiger Umstand, die Sprache sieht sich einem Gebiet gegenüber, das ohne jede Grenze ist, das eben das Wesen des zu denken Möglichen ist.", d° p.16-17.

6 S. 27 - 29

7Le sujet anthropologique dans le choix des langues, http://www.res-per-nomen.org (i. V.)

8CALVET, Louis-Jean, 1999, Pour une écologie des langues du monde, Paris, Plon.

9Siehe dazu La langue mondiale. Traduction et domination, Pascale Casanova, Paris, Editions du Seuil