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Die Sprache, jenes Ungedachte


Zuletzt aktualisiert: 29 Apr 2021

In seiner Antrittsvorlesung zur allgemeinen Linguistik am Collège de France, gehalten am 26. Oktober 2020, bemerkte der Linguist Luigi Rizzi, dass "die Sprache ein zentraler Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Wir leben umflutet von Sprache. Wir benutzen sie, um unsere Gedanken zu strukturieren, um unsere Gedanken mitzuteilen, um mit anderen zu interagieren, aber auch im Spiel, beim künstlerischen Schaffen. Ihre Allgegenwart macht es paradoxerweise schwierig, sich der Sprache als Objekt wissenschaftlicher Untersuchung zu nähern. Sie ist so untrennbar mit den wichtigsten Aspekten des menschlichen Lebens verbunden, dass wir ihre bemerkenswerten Eigenschaften nicht mehr sehen."

In seiner Abhandlung Die Ordnung der Dinge weist Michel Foucault darauf hin, dass die Sprachwissenschaft, obwohl die Sprache die Grundlage aller Dinge des Lebens, des Denkens und aller wissenschaftlichen Entwicklungen ist, erst im 19. Jahrhundert zu einer Wissenschaft unter anderen und die Sprache zu einem wissenschaftlichen Gegenstand unter anderen wurde (S. 307f), und er sagt zusammenfassend: "Dieses Denken, das seit Jahrtausenden spricht, ohne zu wissen, was Sprechen ist, und sogar ohne zu wissen, dass es überhaupt spricht" (S. 317).

Dazu ist zu sagen, dass in den 50er Jahren, noch bevor man sich daran machte, die Sprache auf ein Kommunikationsinstrument zu reduzieren, die ganze westliche Tradition darin bestand, dass es die reale Welt auf der einen und den Geist auf der anderen Seite gab, und dass die Hauptfunktion der Sprache war, die reale Welt zu beschreiben, wie der Mensch sie sah.

Dies ist eine recht simple Darstellung, so simpel, dass sie auch heute noch vorherrschend ist, mit der zusätzlichen Nuance, dass Sprache im Wesentlichen als Werkzeug zur Kommunikation definiert wird, ohne dass viel darüber nachgedacht wird, was passiert, wenn man kommuniziert. Handelt es sich um den Austausch von Informationen in Form von Nachrichten, mit einem Sender in Sprache A und einem Empfänger in Sprache A oder B, und einer Blackbox zwischen beiden? So wird die Kommunikation in den theoretischen Arbeiten, insbesondere der Linguistik, schematisch beschrieben.

Man versteht, dass aus diesem Blickwinkel betrachtet, das Sprechen, die Sprache und die Sprachen, sowohl als wissenschaftlicher Gegenstand als auch als gewöhnlicher Gegenstand, so unattraktiv sind.

Es ist auch nicht gleichgültig sich die Frage zu stellen, was man unter der realen Welt versteht.

Der Spruch "Ich glaube nur, was ich sehe" ist absolut furchterregend. Ein weiterer Satz, der heutzutage viel und in vielerlei Gestalt kursiert, lautet: "Die Wahrheit ist, was ich glaube". Zwei antinomische Sätze. Aber versuchen wir, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Für Descartes ist die Wirklichkeit das, was durch klare und eindeutige Vorstellungen erfassbar ist, das, was einer genauen Erkenntnis zugänglich ist. Er leugnet nicht die Existenz des Unendlichen, aber das Unendliche liegt jenseits des Verständlichen.

Das ist ganz und gar nicht die Meinung von Leibniz, der uns begrifflich ein gewaltiges Stück voranbringt.

Einerseits ist die reale Welt so, wie wir sie wahrnehmen, aber es gibt klare Wahrnehmungen, eine Art ersten Kreis, der mehr oder weniger der Definition von Descartes entspricht; es gibt aber auch eine Welt der kleinen Wahrnehmungen, die in modernen Begriffen der Welt des Unbewussten entsprechen würde. Er geht sogar so weit zu versichern, dass das Gehirn unaufhörlich funktioniert, d.h. denkt, selbst im Schlaf.

Aber Leibniz geht noch viel weiter. Er geht zwar davon aus, dass die Menschen mit mehr oder weniger den gleichen Fähigkeiten ausgestattet sind, wahrzunehmen und von dem aus, was sie wahrnehmen, zu denken, aber es ist klar, dass sie kein vollständiges Bild von der Welt haben können und dass sie auf diese immer nur die Ansicht vom ihnen eigenen Standpunkt haben werden. Wenn also jeder Standpunkt relativiert werden muss, heißt das nicht, dass jeder einzelne Standpunkt ohne Wert ist, denn die Menschen, und allgemeiner die Lebewesen, sind mit Wahrnehmungs- und Verständnissystemen ausgestattet, die ihnen gemeinsam und damit universell sind und an der gottgewollten Ordnung der Welt teilhaben. So gibt das Leibnizsche System der Prästabilierten Harmonie dem Universellen nicht die Eigenschaft des Allen Gemeinsamen, sondern entspricht der Einheit in der Vielfalt oder der Vielfalt in der Einheit. Das Universelle wäre also die Summe unserer Singularitäten und nicht nur das, was wir meinen gemeinsam zu haben.

Der Begriff des Standpunktes, der bei Kant, bei Saussure und in der gesamten Phänomenologie zu finden ist, setzt die Wirklichkeit in keiner Weise außer Kraft, und Kant gibt dann der Objektivität eine neue Grundlage. Objektiv ist, was von der Gemeinschaft als wahr akzeptiert wird, was der Objektivität eine eigenständige Entwicklungsfähigkeitt verleiht, denn es gibt immer eine Diskrepanz zwischen dem, was für wahr gehalten wird, dem gesunden Menschenverstand sozusagen, und der wissenschaftlichen Wahrheit.

Das wissenschaftliche Paradoxon besteht gerade darin, dass jede wissenschaftliche Entdeckung den gesunden Menschenverstand umstößt.

Wir liegen oft falsch, wenn wir Nietzsches Satz "Es gibt keine Tatsachen. Es gibt nur Interpretationen" zitieren und wenn wir daraus ableiten, dass es keine Realität gibt und dass alle Interpretationen gleichwertig sind. Nietzsche schreibt auch: "Was ist für uns überhaupt ein Naturgesetz? Es ist uns nicht an sich bekannt, sondern nur in seinen Wirkungen, das heißt in seinen Relationen zu andern Naturgesetzen, die uns wieder nur als Summen von Relationen bekannt sind." (Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, S. 24). Nietzsche erinnert uns daran, dass wir keinen direkten Zugang zur Wirklichkeit haben, und knüpft damit lediglich an Leibniz und Kant an. Er ist auch nicht weit von Gaston Bachelard entfernt, wenn dieser erklärt, dass "eine wissenschaftliche Erfahrung eine Erfahrung ist, die der allgemeinen Erfahrung widerspricht." (La formation de l'esprit scientifique, S. 10).

So ist die Sprache also diese unsichtbare Realität. Wie das Auge, das sich selbst nicht sieht, weiß der Sprecher nicht, was Sprechen heißt.

Dieser kleine philosophische Ausflug soll nur deutlich machen, dass die Sprache nicht nur ein Abbild der Wirklichkeit ist, sondern dass sich die Wirklichkeit in der Sprache schafft, oder gar dass die Sprache selbst die Wirklichkeit schafft.

Es ist klar, dass Leibniz einer der ersten ist, der das Problem der Sprachenvielfalt begriffen hat. Ohne auf die Hypothese der Monogenese zu verzichten, gab er den Gedanken einer adamischen Sprache, die alles über den Menschen aussagt, zugunsten der Vorstellung auf, dass Sprachen eine eigene Schaffenskraft in sich tragen. Und sein Interesse an den Sprachen, das im Lauf seines Lebens immer weiter wuchs, erlaubt es, in ihm zwar keinen Begründer der Sprachwissenschaft, aber zumindest einen Vorläufer der vergleichenden historischen Sprachwissenschaft zu sehen.

Eine Generation später erklärte der neapolitanische Philosoph Giambattista Vico mittels anderer Stimmen die Vielfalt der Sprachen durch die Vielfalt der historischen Erfahrungen. Es handelt sich hier nicht um eine anekdotische Geschichte.

Lesen wir noch einmal die Erklärung von Jürgen Trabant1 : "Die zivile Welt, diejenige, von der wir Wissenschaft haben können, d.h. gesichertes Wissen, weil wir sie selbst gemacht haben, besteht also aus zwei Ordnungen von Dingen: der materiellen Organisation der Welt, der coltura, die eine politische Organisation im engeren Sinne ermöglicht, und der intellektuellen Organisation, die eine sprachliche oder sagen wir lieber semiotische oder "sematologische" Organisation ist. Der Mensch ist derjenige, der arbeitet und denkt, der mit den anderen arbeitet und denkt, der also spricht. Die mondo civile ist nicht nur die politische Organisation, sondern immer auch Sprache oder Zeichen.

Beides gehört immer zusammen: Der Mensch schafft nicht nur eine politische Organisation als solche, er benennt sie immer, er schafft zugleich Zeichen, um diese politische Organisation zu denken-sprechen. "

Aber das Nachdenken über die Vielfalt der Sprachen, aus der expliziten Perspektive der Vielheit innerhalb der Einheit der menschlichen Sprache, ist zweifelsohne die Leistung von Wilhelm von Humboldt. Er hat nicht nur eine Vielzahl von Sprachen studiert, sondern auch die Entstehung, die Diversifizierung, die Aufspaltung, die Entwicklung, den Niedergang und das Verschwinden von Sprachen theoretisiert. Jenseits der physikalischen Gegebenheiten wie Klima, Geographie, Wetter und Bevölkerungsvermischung stehen die Geschichte und die politischen Ereignisse.

Wir leben in einem permanenten Sprachbad, in dem unser Verhalten bestimmt wird.

Es genügt, dieser Tatsache einen ganzen Tag lang Aufmerksamkeit zu schenken, um die Bedeutung einer solchen Aussage zu verstehen.

Nehmen wir ein ganz kleines Beispiel: das französische Wort laïcité. Es ist unmöglich, es zu verstehen, wenn man nicht auf die eine oder andere Weise 800 Jahre französischer und europäischer Geschichte verinnerlicht hat.

Es kann nicht liquidiert werden, ohne 800 Jahre Geschichte im Gedächtnis der Menschheit auszulöschen. Es als eine Parole oder schlimmer noch als Kriegshandlung zu sehen, ist der vollkommenste Ausdruck unendlicher Barbarei, sowohl nach innen als auch nach außen. Über die laïcité zu sprechen ist eine edle und wesentliche Tätigkeit.

Das bedeutet ganz klar, dass Sprache einfach existentiell ist.

Man kann sich nur wundern, dass die Sprache im gelebten Denken so abwesend ist.

Wir sagen nicht "des modernen Denkens", weil die Sprache im Gegenteil in einem bestimmten modernen bzw. postmodernen Denken extrem präsent ist, das sie von der Realität trennt und letztlich disqualifiziert.

Um es journalistisch auszudrücken, sagen wir, dass die Sprache völlig von den Radarschirmen verschwunden ist, und wir werden einige schmerzhafte Illustrationen dafür geben.

Sicherlich gibt es Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Da sind zum einen die Appelle der Unesco bezüglich des beschleunigten Verschwindens seltener Sprachen, die wir, wenn schon nicht retten, so doch zumindest in ihren Beschreibungen erhalten möchten, um Museen zu füllen und einige Forschungslabors zu unterhalten. Hinzu kommt das verspätete Interesse an den Regionalsprachen, das in der breiten Öffentlichkeit eher Teil einer Kritik an der modernistischen Globalisierung ist als eine Reflexion über die Bedeutung des Sprechens und der Sprache. Abgesehen von diesen sehr unscheinbaren Anzeichen herrscht eine große Leere.

Hier sind einige sehr einfache Methoden, um diese sprachliche Leere unserer Zeitgenossen zu ermessen.

In einem berühmten, 1970 erschienenen Buch Future Shock von Alvin Toffler, das 601 Seiten umfasst, wird die Frage der Sprache nur ein einziges Mal erwähnt, und zwar im Zusammenhang mit der Beschleunigung der Wortschatzerneuerung. Ein halbes Jahrhundert später kann man mit Interesse Futur, Notre avenir de A à Z von Antoine Buéno (Flammarion, 674 S.) lesen. Man wird sich wundern, im Kapitel über Bildung nicht einmal ein Wort über Sprache zu finden.

Weitere Beispiele für dieses sprachliche Nichts in der Gegenwart. Nehmen Sie irgendein Buch über Allgemeinbildung, jene Art kleines Handbuch, das man in letzter Minute für die bevorstehende Aufnahmeprüfung verwendet, die ich nicht nennen will. 48 Lernkarten, die Karte "langue" (Sprache) liegt auf Platz 25 zwischen "intellektuell" und "Liberalismus", eine Frage der alphabetischen Reihenfolge. Oder ein anderes: 115 Lernkarten, 3 über das Gehirn, 1 über Nebukadnezar, keine über die Sprache oder das Sprechen.

Ist die Sprache ein blinder Fleck im zeitgenössischen Denken?

Hier ist ein weiteres Beispiel, um uns zu überzeugen. Von September 2003 bis März 2004 wurde auf Wunsch des französischen Staatspräsidenten und der Regierung eine große landesweite Debatte zum Thema Schule organisiert. Die Kommentare, die während dieser sechs Monate gemacht wurden, wurden in einem Buch mit dem Titel Les Français et leur École - Le Miroir du débat gesammelt. Es wäre falsch zu sagen, dass die Sprache in diesem 575 Seiten starken Buch völlig abwesend ist, denn auf Seite 57 steht im Zusammenhang mit der Definition des allgemeinen Grundwissens eine Überlegung voller gesunden Menschenverstands: "Beherrschung der Sprache vor allem - Wenn wir beim Wissen bleiben, finden wir zwei Disziplinen an erster Stelle, Französisch und Mathematik, gefolgt von Englisch und Geschichte. Sehr oft beschränkt sich die Reflexion auf das Fach Französisch, wie in dieser Sekundarschule im Bezirk Saint-Germain-en-Laye, wo man sich darüber Sorgen macht, dass "die meisten Schüler, die die Grundschule verlassen, die französische Sprache nicht beherrschen", und dann bedauert, dass "neue Unterrichtsfächer (Informatik) die Anzahl der Stunden für grundlegende Fächer wie Französisch reduzieren". Dies spiegelt eine starke Besorgnis über die mangelnde Beherrschung der Sprache wider.

In einigen Debatten wird das Thema jedoch als verzerrt durch die landesweite Evaluierung (CE2/6e, fünfte und sechste Klasse) gesehen, die nur die Fächer Französisch und Mathematik berücksichtigt. Definiert nicht die Institution selbst zwei "edle" Fächer auf Kosten anderer? Diese Vormachtstellung wird angeprangert: "Je breiter das Lernfeld ist, desto eher haben die Kinder eine Chance sich (an die Welt, die in zehn Jahren die ihre sein wird) anzupassen. Es ist daher notwendig, die Gesamtheit der Fächer zu erhalten und sich nicht auf Französisch und Mathematik zu beschränken" (öffentliche Schulen im Bezirk Cholet)."

Schon dieser eine Auszug aus dem Buch, der sich mit der Sprache befasst, macht deutlich, dass in der Bildungspolitik von den 1960er Jahren bis heute eine große Unentschlossenheit herrscht.

Während dieser gesamten Periode, in der es vor allem darum ging, das Bildungswesen den Erfordernissen der Wirtschaft und der Globalisierung anzupassen, und dies unter Regierungen der Linken wie der Rechten, wurde die vor allem in Frankreich stark ausgeprägte Praxis der Wiederholung einer Klasse ab der Grundschule nach und nach aufgegeben. So gingen ganze Schülergenerationen in die sechste Klasse ohne die sprachlichen Grundlagen, die ihnen ein Weiterkommen in den anderen Fächern ermöglicht hätten, mit der Begründung, dass sie immer noch genug Zeit hätten, diese zu erwerben. Und diese Schüler scheiterten dann in Sonderschulklassen, bis sie das Ende der Schulpflicht erreichten, ohne ernsthafte Hoffnung auf einen Einstieg in die Arbeitswelt. Jack Lang war es, der ab 2000 versuchte, die Tendenz umzukehren, indem er eine frühzeitige Förderung organisierte, um das katastrophale Sprachdefizit der Schüler, die die Grundschule verlassen, zu korrigieren. Diese Politik wurde zwar nicht weiterverfolgt, wird aber nun vom derzeitigen Erziehungsministe Jean-Michel Blanquer durch die Halbierung der Schülerzahl in den Klassen der Schwerpunktbereiche wieder aufgegriffen. Aber wir können die Hunderttausende von Kindern nicht zurückholen, die durch reine Unkenntnis des Sprachenproblems geopfert wurden (zwischen 150 000 und 200 000 Kinder pro Jahr seit 40 Jahren, das sind zwischen 6 und 8 Millionen verlorene oder fast verlorene Kinder). Natürlich wurde in den Rundschreiben zum Schuljahresbeginn und in den Lehrplänen immer die entscheidende Bedeutung der Sprache betont. Da diese "entscheidende Bedeutung" aber offenbar weder von den Entscheidungsträgern noch von der Gesellschaft als Ganzem verstanden wurde, wurden keine Konsequenzen daraus gezogen, was "entscheidende Bedeutung" bedeutet.

Die Degeneration der Sprache, die an diesem Beispiel zu sehen ist, hat entscheidende Konsequenzen für das Sozialverhalten.

Es ist ganz einfach zu verstehen, dass die Opfer der gerade erwähnten Praktiken selbstverständlich die schwächsten Bevölkerungsgruppen sind, und wir müssen nicht sehr weit in den jüngsten Nachrichten suchen, um die schwerwiegenden Folgen zu ermessen.

Natürlich sind die sprachlichen Aspekte nicht der einzige Grund, aber sie sind nicht zu leugnen und sind umso gravierender, als sie verkannt werden.

Hier ist darauf hinzuweisen, dass wir nicht die "schöne Sprache", das Privileg der "kultivierten" Menschen, in den Mittelpunkt dieser sprachlichen Frage stellen. Es ist vielmehr die Frage nach der richtigen Art zu sprechen.

Das tägliche Leben ist voll von Illustrationen dieser Problematik.

Mitten in der Pandemie stellt sich die Frage der Impfung. Es kursieren Berichte, dass Menschen, die mit Astrazeneca geimpft wurden, an sehr spezifischen Thrombosen gelitten haben und dass einige von ihnen gestorben sind. Die Schlagzeilen enthalten Sätze wie "aber diese Fälle sind selten", "aber das Risiko ist minimal", "die Vorteile des Impfstoffs überwiegen die Nachteile", "trotzdem ist es besser, sich impfen zu lassen", "mehr gerettete Leben als Todesfälle". In den Artikeln selbst finden wir dann drei Zahlen, die natürlich, wenn Sie dies lesen, nicht mehr stimmen: Weltweit gab es 16 gemeldete Fälle, darunter 4 Todesfälle, bei 34 Millionen geimpften Menschen. Es ist klar, dass die Verbreitung von Informationen in dieser Form eine große Bewegung des Misstrauens in der Bevölkerung provozieren musste. Dies ist ein typisches Beispiel für die mangelnde Sprachbeherrschung auf verschiedenen Ebenen der Kommunikationskette, die wir als Kommunikatoren bezeichnen werden, um niemandem zu nahe zu treten. Hätten die besagten Kommunikatoren eine Ahnung von den Begriffen der Wahrscheinlichkeit oder des Risikos gehabt, die einem minimalen Allgemeinwissen zu entstammen scheinen, hätten sie andere Ausdrücke verwendet als diese unklaren Formulierungen, die nur einen entfernten Bezug zur Realität haben. Als ihnen nach einigen Wochen die Katastrophe klar wurde, erklärten einige Wissenschaftler schließlich, dass das Risiko, an einer Impfung zu sterben, nicht größer sei als das, was passieren kann, wenn man das Haus verlässt, um die Straße zu überqueren oder mit dem Auto zu fahren: ein Risiko zwischen 1 zu 100 000 und 1 zu 1 Million.

Wie können wir in einem solchen Kontext das Wiederaufleben des magischen Denkens verhindern, das den Zorn der Götter heraufbeschwört, also die primitivsten Formen des menschlichen Denkens?

1Jürgen Trabant, « La science de la langue que parle l’histoire idéale éternelle », Noesis [Online], 8 | 2005, Online since 30 March 2006, connection on 24 April 2021. URL : http://journals.openedition.org/noesis/137

Christian Tremblay, traduction Ulrich Hermann