Logo de l'OEP

Langues et sciences

Manifest zur Anerkennung des Prinzips der sprachlichen und kulturellen Vielfalt in der Sprachforschung

Zuletzt aktualisiert: 3 Apr 2019

Präambel

Im Laufe der Jahre, und das seit mehreren Jahrzehnten, fordern die Gremien der Hochschulen die Lehrenden und Forschenden (LF) auf zunehmend dringende Weise auf, ihre internationale Sichtbarkeit zu erhöhen. Selbstverständlich bemühen sich die LF darum, an internationalen Debatten in ihren Disziplinen teilzunehmen. Dies geschieht auf Tagungen und im Rahmen von Artikeln, und zwar nicht zu Werbezwecken, sondern zur Auseinandersetzung und zum Austausch von Standpunkten und theoretischen Haltungen, zur Verbesseung der Qualität ihrer. Die Unabhängigkeit der LF, die unabdingbar und wesentlicher Bestandteil ihrer Funktionen ist, macht jeglichen Druck, diesen Prozess zu beeinflussen, nicht nur unnötig, sondern vor allem unangemessen.

Die Stellung der englischen Sprache

Bei diesen Ermahnungen ist wohl am fragwürdigsten die Unterstellung, dass diese Sichtbarmachung nur auf Englisch erfolgen könne. Im Bereich der Lehre sind sich die LF der Notwendigkeit wohl bewusst, dass die Studenten Arbeiten auf Englisch lesen, wie auch, je nach Fachgebiet, in anderen Sprachen, lesen oder auch schreiben oder sich im Übersetzen üben. Aber es ist nicht Sache der Politiker, Lehrveranstaltungen auf Englisch zu beschließen und durchzusetzen. Allein der oder die Lehrende entscheidet, ob es zweckmäßig ist, Lehrveranstaltungen in englischer Sprache, wie z.B. im Fach Internationales Recht anzubieten, oder in anderen Sprachen. Das Argument zur Verpflichtung zu Lehrveranstaltungen in englischer Sprache, nämlich, um die ausländischen Studenten anzulocken, ignoriert, dass, was viele von ihnen nach Frankreich lockt, genau die Praxis der Lehre in französischer Sprache ist und was anderswo (Kultur, Referenzen, Theorien...), zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, nicht üblich ist.

Darüber hinaus sind viele Kollegen in allen Ländern, wahrscheinlich mehr in den Geisteswissenschaften als anderswo, in Sorge über die Hegemonie des Englischen zum Nachteil anderer Sprachen und Wissensgebiete, und über die Gefahr, dass der wissenschaftliche Diskurs - und damit das Denken - mangels geeigneter sprachlicher Ressourcen verkümmert, denn jener will auf eine Weise gemeistert werden, die sich nicht auf alleinige Sprachkompetenz beschränken lässt, auch wenn diese sehr gut ist.

Der Filter der intellektuellen Traditionen und editorischen Formate englischsprachiger Kulturen

Das Problem der Bewertung von Artikeln, die in englischsprachigen Medien und Publikationen eingereicht werden, ist in erster Linie ein politisches. In der langen Geschichte der Human- und Sozialwissenschaften (HSW) wurden intellektuelle, mit Sprachen und Kulturen verbundene Traditionen vermittelt und beeinflussten sich gegenseitig, indem sie sich durch Argument und Gegenargument bestätigten. Das Erbe der vielen, französischen, deutschen, amerikanischen und anderer Traditionen bringt ebenso viele verschiedene und fruchtbare Herangehensweisen an die Phänomene der Geisteswissenschaften mit. [Anmerkung: Dieses Erbe muss selbstverständlich der historischen Kritik unterworfen werden, insbesondere was die französischsprachigen Traditionen betrifft, die jetzt nicht einfach ihre Vergangenheit verbergen können, um plötzlich als Vorkämpfer der Vielfalt dazustehen, was Teil der Arbeit der sprachlichen und kulturellen Vielfalt ist, für alle Traditionen, auch für die englischsprachigen]. Die Diskussionen zwischen diesen verschiedenen Traditionen ist ein strategischer Reichtum für die HSW im Allgemeinen und die Sprachwissenschaften im Besonderen. Unter den größten Sprachwissenschaftlern und -philosophen des 20. Jahrhunderts (ganz zu schweigen von früheren griechischen, arabischen, indischen usw. Arbeiten) sind eine beträchtliche Anzahl Franzosen, Deutsche, Italiener und Russen (um nur sie zu nennen), die sich jeweils in ihrer eigenen Sprache ausdrücken, neben Briten oder US-Amerikanern, die Englisch sprechen. Ein Verzicht auf diese Quellen und die Sprachen, in denen sie geschrieben wurden, zugunsten allein des Englischen bedeutet, jede Chance zu verlieren, einen nützlichen Beitrag zur globalen Forschung in unseren Disziplinen zu leisten.

Die editorischen Formate der Fachzeitschriften sind je nach kulturellen Traditionen nicht die gleichen: ein Artikel, der von einer französischen Zeitschrift problemlos angenommen wird, kann von einer englischsprachigen Zeitschrift ohne Umschweife abgelehnt werden, und zwar nicht aufgrund wissenschaftlicher Qualitätskriterien, sondern wegen der anderen editorischen Formate, die oft mit philosophischen und kulturellen Traditionen, sowie unterschiedlicher Einstellung zur Forschung verbunden sind; oder weil Epistemologien, durchaus relevante Problematiken nicht oder kaum bekannt sind oder ganz einfach nicht "bankable" sind.

Gibt es einen besseren Weg, Wissenschaft zu betreiben?

So sind in der gegenwärtigen Situation die sprachpolitischen Entscheidungen der Forschungseinrichtungen nicht methodisch und epistemologisch. Die meisten der unterschwelligen Gründe dafür, was durchaus ein kommerzielles Ringen im Bereich der Wissenschaft genannt werden kann, sind geopolitische, wirtschaftliche und industrielle. Es kann also nicht behauptet werden, dass die Wissenschaft oder die Hochschulbildung in englischer Sprache von besserer Qualität sei, im Gegenteil führen solche Politiken zu einer fortschreitenden Verkümmerung der Forschung durch die zunehmende Knappheit der kulturellen Komponenten der Wissenschaft, die das Ergebnis einer kurzsichtigen Politik ist.

Risiken der Diskriminierung

Wie von den LF in Wirtschaftswissenschaften (Le Monde, 20.02.2019) für ihre Disziplin argumentiert wurde, stellt diese Situation ein echtes Risiko der Diskriminierung der Tätigkeit der LF dar, denn frankophone Forscher, wenn dies auch nicht mit der Qualität der Arbeiten korreliert werden kann, sind in dieser Konkurrenz benachteiligt.

Förderung einer größeren sprachlichen und kulturellen Vielfalt

Zahlreiche Studien in den HSW haben gezeigt, dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt in diesem Bereich ein fruchtbarer Nährboden ist. Daher ist es notwendig, über den englisch-französischen Wettbewerb hinaus über den Platz der Weltsprachen im wissenschaftlichen Konzert nachzudenken, ohne dass dies lediglich die Förderung der Veröffentlichung in allen Weltsprachen bedeutet, ein Problem, auf das diese Frage oft reduziert wird.

Mit dieser Aufforderung sollen nationale und internationale Behörden im französischsprachigen Raum und in den verschiedenen x-phonen Kreisen alarmiert und ermutigt werden, den Grundsatz des Reichtums der sprachlichen Vielfalt in den HSW im Allgemeinen und den Sprachwissenschaften im Besonderen nach dem Vorbild der DORA-Erklärung (Link: https://sfdora.org/) im Bereich der Bibliometrie zu fördern. Diese Aufforderung zielt auch darauf ab, diese Behörden zu ermutigen, in Absprache mit LF einen Plan zur Unterstützung der französischsprachigen Forschung und ihrer Verbreitung auszuarbeiten, als ersten Schritt zu einem umfassenderen Ziel, das die Frage nach kulturell und sprachlich diversifizierten Beiträgen zu der notwendigen übergreifenden Debatte in Rede und Widerrede aufwirft.

"Gebrauchsanweisung" dieses Textes

Dieser Text soll als Mittel zur Anregung von Reflexion und Aktion dienen. Zum einen ist er auf der Website Mesopinions.com (Link: https://www.mesopinions.com/petition/art-culture/manifeste-reconnaissance-principe-diversite-linguistique-culturelle/63600) für alle diejenigen online zu lesen, die ihre Unterstützung durch ihre Unterschrift signalisieren wollen. Andererseits erteilen wir allen, die ihn weitergeben, veröffentlichen, übersetzen wollen, die Erlaubnis dies zu tun, wobei jede Änderung ausdrücklich als solche gekennzeichnet werden muss. Wir ermutigen wissenschaftliche Zeitschriften und die Presse, sei es elektronisch oder nicht, französischsprachig oder in anderen Sprachen, ihn auf ihren Seiten zu veröffentlichen.

Erstunterzeichner

Didier de Robillard
Professor an der Universität Tours, Soziolinguist mit Schwerpunkt der Kontakte der Sprachen mit der Frankophonie. Mitherausgeber der Zeitschrift Le français dans l’espace francophone, Mitautor des Buchs Ile Maurice, une francophonie paradoxale

Sylvie Wharton
Professorin für Soziolinguistik und Sprachdidaktik an der Universität Aix Marseille. Veröffentlichte zuletzt: Sociolinguistique du contact. Dictionnaire des termes et concepts (Mitherausgeberin). 
 
Marc Arabyan
Professor e.h., Leiter des Verlags Lambert-Lucas. Zuletzt veröffentlicht: Des lettres de l’alphabet à l’image du texte
 
Véronique Castellotti
Emeritierte Professorin der Universität Tours, veröffentlichte zuletzt: Pour une didactique de l'appropriation. Diversité, compréhension, relation
 
Patrick Charaudeau
Emeritierter Professor der Universität Paris XIII, forscht am CNRS-LCP-Irisso. Letzte Veröffentlichungen: Le débat public. Entre controverse et polémique ; Grammaire du sens et de l'expression (neue Ausgabe).

lu14448ksqrg_tmp_9f91943c91713709.gif

Véronique Castellotti

Emeritierte Professorin

Webseite

E.A. 4428 DYNADIV
Université de Tours
3 rue des Tanneurs
37041 Tours Cedex 1