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Artikel 2 des Gesetzes Fioraso, drei Jahre danach? Epilog


Zuletzt aktualisiert: 14 Apr 2017

Die etwas trockene Diskussion hatte im Frühjahr 2013 die Gemüter erhitzt und die Medienberichterstattung aus dem Gleis gebracht. Sie befand sich im Kielwasser eines wenige Monate vorher ähnlich gelagerten Falles: die Einführung ab dem Master des Totalunterrichts in Englisch am Instituto Politecnico di Milano. In Frankreich nahm die Offensive die Gestalt einer Gesetzesinitiative an, die in der Forschung und der Hochschule die Einschränkungen des Gesetzes Toubon hinsichtlich der Entwicklung der Lehre ausschließlich in Englisch abschaffen sollte.

Sehr schnell entwickelte sich die Diskussion zur einer neuen Schlacht von Hernani, einem Streit zwischen Alten und Modernen, die Schläge waren bisweilen sehr tief und die Meinungsäußerungen schrammten hart an der Beleidigung oder Beschimpfung vorbei. Es ging um für oder gegen Französisch, für oder gegen Englisch, die Debatte wurde verworren geführt und kannte keinerlei Abschluss in der überforderten Presse, während gleichzeitig die Parlamentsdebatte weiterging und zu einem äußerst wichtigen aber heute fast vergessenen Abschluss gelangte.

Was war also die Frage? Es ging keineswegs darum, wie viele glaubten, ob die Benutzung der Fremdsprachen in der Lehre erleichtert oder erschwert werden sollte. Dies ist seit mehr als einem halben Jahrhundert festgelegt, seit in Frankreich die ersten internationalen Sektionen eröffnet wurden. Im europäischen Rahmen wurden die sogenannten CLIL-Klassen gefördert, die es ermöglichen, Sachfachunterricht in einer Fremdsprache zu erteilen. Da der Fremdsprachenunterricht der Muttersprache noch nie geschadet hat (man lese bei Rabelais nach), wird das allgemein anerkannt. Es ging vielmehr um die Frage, ob in Frankreich in bestimmten Lehrgängen die französische Sprache komplett durch die englische ersetzt werden sollte, in Italien das Italienische durch das Englische, in Deutschland das Deutsche durch das Englische usw. Nur darum ging es, und die Argumente der Verteidiger dieser Option waren nichts mehr als Nebelkerzen.

Nur, das Parlament sagte « nein » und die Ministerin Geneviève Fioraso war der gleichen Meinung, weil sie vermutlich schließlich doch durch die Argumente von 40 Abgeordneten ihrer Partei überzeugt wurde. Zwar erleichtert die Entscheidung den Zugang zu den Fremdsprachen, sie begrenzt aber das Volumen der in einer einzigen Fremdsprache erteilten Lehre auf 50 % des Gesamtvolumens ein und desselben Lehrgangs und stellt Hürden für das Diplom auf, das eine genügende Beherrschung des Französischen verlangt.

Inzwischen nahm die Prozedur in Italien ihren Lauf.

Lehrkräfte und Studierende des Instituto Politecnico di Milano ließen die Entscheidung der Hochschulinstanzen durch das Verwaltungsgericht der Lombardei verurteilen, die Hochschule legte Berufung ein, doch das Berufungsgericht zweifelte daran, dass diese Entscheidung verfassungskonform ist und gab die Frage zur Entscheidung ans Verfassungsgericht, was dieses nun getan hat. Interessant ist, dass laut Verfassungsgericht das italienische Hochschulgesetz die Entscheidung des Instituto Politecnico di Milano nicht legitimieren kann, interessant ist aber auch die Stärke der Argumente, die das italienische Gericht entwickelt und die die Accademia della Crusca in ihrer Verlautbarung unterstreicht, die wir auf der Webseite des EFM veröffentlicht haben.

Das Gericht befindet, dass die italienische Sprache als Amtssprache vorrangig Vektor der der nationalen Gemeinschaft immanenten Kultur und Tradition ist, die im Artikel 9 der Verfassung garantiert sind. Die progressive supranationale Integration der Systeme und die im Zeichen der Globalisierung erfolgende Erosion der nationalen Grenzen können diese Funktion der italienischen Sprache gefährden, doch diese Phänomene dürfen letzere nicht in eine Position der Marginalisierung einschließen; im Gegenteil ist der Vorrang der italienischen Sprache nicht nur verfassungsmäßig unerschütterlich, sondern er wird entscheidender noch für die Fortdauer der Übermittlung des historischen Erbes und der Identität der Republik, sowie für die Garantie der Wahrung und der Wertschätzung der italienischen Sprache als Kulturgut an sich.

Weiter bestätigt der Gerichtshof, dass die « notwendige, verfassungsgemäße zentrale Rolle der italienischen Sprache in der Schule und in der Hochschule erworben wird ». Das Ziel der Internationalisierung, so das Gericht, « soll erreicht werden […] ohne dass die Verfassungsprinzipien des Vorrangs der italienischen Sprache, der Gleichheit des Zugangs zur Hochschullehre und der Unterrichtsfreiheit berührt werden ». « Würde das gegebene Urteil in dem Sinn interpretiert, dass es den Universitäten gestattet ist, ein allgemeines Lehrangebot zu organisieren, das ganze Lehrveranstaltungen vorsieht, die auschließlich in einer anderen Sprache als der italienischen abgehalten werden, eingeschlossen in solchen Abteilungen, in denen der Gegenstand des Unterrichts selbst es verlangt, dann würde ohne Zögern eine illegitime Aufgabe jener Prinzipien determiniert. Der ausschließliche Charakter der Fremdsprache schlösse nämlich zunächst die Amtssprache der Republik in der Hochschullehre aus vollständigen Wissensgebieten vollständig und auf unklare Art aus. Die legitimen Ziele der Internationalisierung dürfen in der italienischen Universität die italienische Sprache nicht in eine untergeordnete Randposition bringen, die jene ihr eigene Funktion als Vektor der Geschichte und der Identität der nationalen Gemeinschaft, sowie ihren eigenen Wert als kulturelles Erbe, das zu erhalten und wertzuschätzen ist, zum Verschwinden bringen würde.

Wir wollen auch wahrnehmen, was in Frankreich nach der Verabschiedung des Gesetzes vom 22. Juli 2013 geschah. Das Hochschul- und Forschungsministerium blieb, man staune, vollständig passiv bei der Umsetzung des Gesetzes. Obwohl es den Universitäten und Hochschulen Anweisungen zur Integrierung des Gesetzes in ihre Habilitationsanträge hätte geben müssen, geschah nichts dergleichen, was bedeutet, dass sämtliche erteilten Habilitationen, von denen, so scheint es, keine einzige im Amtsblatt des Erziehungsministeriums veröffentlicht wurde, im Grunde genommen virtuell illegal sind. Zahlreiche Ausbildungsgänge, die zu 100 % auf Englisch abgehalten werden, wurden seit 2013 weiterhin geschaffen.

Die Zahl der ganz auf Englisch abgehaltenen Lizenz- oder Masterstudiengänge betrug 634 im April 2013, 671 im Mai 2014, 778 im März 2015, 821 im Oktober 2015, 927 im Oktober 2016 und 951 im Januar 2017. In vier Jahren stieg die Zahl um 317, d.h. um 50 %. Zwar stieg die Zahl der teilweise auf Englisch abgehaltenen Studiengänge stärker, nämlich von 161 im April 2013 auf 315 im Januar 2017, also eine Steigerung von 154, d.h. 95,7 %. Aber da sie von einer viel kleineren Zahl ausgeht, ist das Soll noch lange nicht erreicht. Im Verhältnis zur Gesamtzahl kommt man von 20,25 % im April 2013, also vor dem Gesetz Fioraso, auf 24,88 % im Januar 2017. Wir haben also eindeutig eine Situation, in der ein Gesetz der Regierung nicht angewendet wird.

Schlimmer noch, die französische École Polytechnique, eins der Juwelen von Frankreichs Hochschulen, gab dem Druck des Ministeriums nach, fügte sich den Standards der Kommunikation und schuf neue Masterstudiengänge, die 100 % auf Englisch abgehalten werden, was beim EFM Aufregung bewirkte. Wir erfuhren aber bei einem Treffen mit der Direktion der Hochschule, dass die Dinge komplexer sind und dass diese entgegen dem Anschein zwei Jahrhunderte ihrer Geschichte bewahrt und ihrer Mission des öffentlichen Diensts treu bleibt.

Den wesentlich merkantilen Charakter der ausschließlich in Englisch abgehaltenen Studiengänge, das Fehlen von intellektueller Produktivität bei solchen Studiengängen und den Bärendienst, den sie sowohl den Studenten als auch den Gastländern erweisen, zu zeigen; zu verstehen, dass für bestimmte kleine Länder die Ausrichtung auf das dominante Modell, nämlich das amerikanische nur rational ist; zu zeigen auch, dass Länder wie Frankreich, Deutschland oder Italien sich dem nicht beugen können, das alles sind Aspekte der selben Diskussion, die hier nicht ausgebreitet werden können, die es aber anderswo schon sind oder noch werden.

Wichtig ist, dass sich der Widerstand organisiert, und der italienische Verfassungsgerichtshof sandte uns nun ein wichtiges Signal.

Nehmen wir uns die Zeit, gründlich darüber nachzudenken, die Tragweite der gegenwärtigen Phänomene abzuschätzen, und führen wir den Kampf weiter. Dieser ist nicht mittelmäßig. Internationalisierung ist nicht Anglisierung.

 

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