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Sprachliche Souveränität? (IV und Schluss)


Zuletzt aktualisiert: 22 Okt 2020

Wir sind am Ende unserer Untersuchung zur sprachlichen Souveränität angelangt. Wir haben gesehen, dass Sprachen in vielerlei Weise Grenzen überschreiten, wenn sie auch immer in Territorien verwurzelt sind, selbst wenn sie Eigenschaften von Verkehrssprachen oder einer Lingua franca haben. Im Gegensatz zu Wirtschaftsgütern, von denen man sich trennen muss, wenn man sie an andere weitergibt, bereichern Sprachen und alles, was sie mit sich bringen, diejenigen, die sie sich aneignen, aber niemand wird sie verlieren. Unter den Zitaten, die das EFM besonders hervorhebt, steht das von Michel Serres im Mittelpunkt unseres Themas: "Ein Land, das seine Sprache verliert, verliert seine Kultur; ein Land, das seine Kultur verliert, verliert seine Identität; ein Land, das seine Identität verliert, existiert nicht mehr. Es ist die größte Katastrophe, die ihm widerfahren kann"1. Besser kann man nicht sagen, dass die Sprache ein Attribut, ein wesentlicher Bestandteil der Souveränität ist. Aber so wie Sprache geteilt werden kann, so auch die sprachliche Souveränität. Das ist ein wesentlicher anthropologischer Prozess, ein absolut wunderbarer; er ist so wunderbar, dass man sich dessen sehr wenig bewusst ist, so wenig, dass diese sprachliche Tatsache in keinem Schullehrplan auftaucht und die Ignoranz dieser sprachlichen Tatsache in unseren Gesellschaften fast total ist.

Aber etwas substantieller gefragt, was kann "sprachliche Souveränität" wirklich bedeuten? Um den Leser zu überraschen, werden wir ein englisches Modewort verwenden, nämlich "Empowerment".

In einem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Titel "Begriff: 'Empowerment' oder die 'Macht zu handeln'" erklärt uns die Zeitung Le Monde, dass der Begriff, der in den 1970er Jahren in den Vereinigten Staaten aufkam, "ohne eine wirkliche Entsprechung im Französischen", die Fähigkeit eines jeden von uns, auf seine Umwelt einzuwirken, bedeutet.
Anstatt zu sagen, dass Empowerment keine Entsprechung im Französischen hat, hätte die Journalistin eher sagen sollen, dass es keine perfekte Entsprechung gibt, was eine Binsenweisheit gewesen wäre, weil auch das Gegenteil zutrifft und es sehr selten ist, dass es perfekte Entsprechungen von Sprache zu Sprache gibt. Und die Stärke dessen, der spricht, hängt immer von seiner Fähigkeit ab, in den Wörtern seiner eigenen Sprache, und warum nicht auch anderer Sprachen, das zu finden, was er sagen will; aber Vorsicht, das kann er nur, wenn er tatsächlich die andere Sprache beherrscht, und nicht einfach nachahmt, was ihn in den Augen desjenigen, der die Ausgangssprache wirklich beherrscht, lächerlich macht. Nichts ist lächerlicher als ein Franzose, der Englisch nachahmt und meint, es zu können. Es ist besser, es wirklich zu können.

In den üblichen zweisprachigen Wörterbüchern findet man "empowered by or to" für "ermächtigt durch oder zu", "die Mittel geben" oder "sich die Mittel geben", "die Mittel erhalten"; und übrigens liest man nicht selten auf Verpackungskartons "empowered by Microsoft" oder "by Google" usw. Das Auftauchen des Wortes Empowerment ist also einem bestimmten wirtschaftlichen Kontext nicht fremd und entlehnt der Sprache der Wirtschaft und des Managements, während es gleichzeitig mit Bewegungen, die die Rechte von Minderheiten verteidigen, und feministischen Bewegungen verbunden ist. So findet man auf der Website von Saint-Gobain "Empowerment: demnächst alle an der Macht im Unternehmen? ", und auf dem Portal https://femmedinfluence.fr/ eine Rubrik Empowerment auf der Titelseite.

In der Tat mangelt es im Französischen nicht an Entsprechungen, und es geht nicht darum, dass das Französische (das Gleiche kann man vom Deutschen, Italienischen, Spanischen usw. sagen, es liegt an jedem, es für sich umzusetzen) hinter einer Norm herhinkt, die aus einem anderen Universum kommt, sondern vor allem darum, dass es einen unterschiedlichen Ansatz gibt, der uns vor ideologischem Druck schützt, ohne die Phänomene zu ignorieren, die in unseren Gesellschaften geschehen, und zwar auch in denen jenseits des Atlantiks. Anglizismen müssen einverleibt werden, anstatt dass man reine Nachahmung ohne Unterscheidungsvermögen einfach hinnimmt. Das EFM zeigt auf seiner Website https://nda.observatoireplurilinguisme.eu, wie so etwas funktioniert.

So kann man je nach Kontext sagen: "kollektive Handlungsgewalt", "Macht, als Bürger zu handeln", "Bürgeraktion", "Kontrolle übernehmen oder zurückgewinnen", "an der Machtausübung teilnehmen", "Autonomie erlangen" usw. Der Begriffe und Umschreibungen sind unendlich viele.

Was Sprachen betrifft, so bevorzugen wir das Wort "Souveränität", weil es die Befugnis zur Selbstbestimmung als letztes Mittel qualifiziert. Die Diktatoren wissen das... Man streicht Wörter, setzt andere ein und kontrolliert das Denken. Wir zögern also nicht, in der Idee der Sprache und der Mehrsprachigkeit (Mehrsprachigkeit bedeutet, dass es nicht nur eine Sprache geben kann) eine Metaphysik der Freiheit zu sehen. Dieses Prinzip ist wesentlich: die Freiheit zu sagen und zu denken, zu denken und zu sagen. Das ist Mehrsprachigkeit. Und von "sprachlicher Souveränität" zu sprechen, ist nur die Bekräftigung dieses Grundprinzips.

Konkret müssen wir uns nun im gegenwärtigen Kontext mit der Frage befassen, wie eine sprachliche Souveränität bekräftigt werden kann, die nicht mit irgendeiner Art von Nationalismus verwechselt wird, was der Leser vom Anfang unserer Untersuchung an hoffentlich gut verstanden hat.

Beginnen wir mit dem, was offensichtlich ist oder offensichtlich sein sollte.

Die Sprache lernen und die Sprache des Landes lernen, in dem man lebt. Dies ist essentiell und es ist eine Errungenschaft. Das Recht auf Bildung ist ein Grundrecht und es wird durch die Sprache vermittelt.

Die Sprache wird seit Jahrzehnten im Unterrichtswesen abgewertet. Es wurde der falsche Weg eingeschlagen. Doch das Blatt zu wenden ist nicht einfach. Vor allem deshalb, weil grundsätzlich die Sprache in unserem Unterrichtswesen immer noch als ein Werkzeug gesehen wird, ein Schulfach wie jedes andere auch. Selbst wenn wir sagen, dass es das Fach ist, das uns erlaubt, die anderen Fächer zu lernen, sind wir nur einen Teil des Weges gegangen. Sprache ermöglicht es uns zu denken. Es ist außergewöhnlich, aber so ist es nun mal. Kein Gedanke existiert außerhalb der Sprache. Sprache und Denken gehören zusammen. Das bedeutet, dass jeder Abbau in der Sprache zu einem Abbau des Denkens führt.

Also ganz konkret: Wenn der französische Staat eine Vereinbarung mit der Region Hauts de France zur Bekämpfung des Analphabetismus unterzeichnet, ist dies ein Akt der sprachlichen Souveränität. Wenn er Grundschulklassen in Brennpunktgebieten halbiert, ist das auch ein Akt der Souveränität. Es ist ein großes Ziel, die Kohorten von Kindern, die ohne Beherrschung der Grundlagen auf die weiterführende Schule gehen, von einem Fünftel einer Generation, d. h. rund 160 000, auf die Hälfte, d. h. rund 80 000, zu senken, auch wenn wir es gerne besser machen würden.

Aber das reicht nicht aus: es muss auf allen Ebenen ein anderes Verhältnis zur Sprache hergestellt werden. Die Sprache ist kein Werkzeug, sie ist der dynamische Prozess, durch den das Denken vollzogen wird.

Sobald von "Souveränität" die Rede ist, ist natürlich die Frage der Anglizismen in aller Munde.

Es muss klar gesagt werden, dass sprachliche Entlehnungen ein Teil des Lebens der Sprachen sind. Die Sprachen leben, denn die Welt verändert sich, und im Laufe der Jahrhunderte haben diejenigen, die dafür sorgen, dass sich Sprachen weiterentwickeln, nie aufgehört, neue Konzepte und Wörter zu schaffen. Wer sind sie? Historisch gesehen waren es Dichter, Schriftsteller, Kleriker, Gelehrte, Gesetzesleute, die die Sprachen bereicherten und unsere modernen Sprachen schufen, indem sie aus verschiedenen Quellen schöpften, aus der Sprache selbst, aus dem örtlichen Sprachgebrauch, aus dem Lateinischen, Griechischen, Arabischen, aus den Sprachen der Nachbarn usw. Denn diese Menschen reisten viel, tauschten sich aus und wussten, wie man die Perlen des Wissens erkennt, um sie mit nach Hause zu nehmen und sich weiter mit Gleichgesinnten auszutauschen. So sind die "großen Sprachen" entstanden. Marie-Hélène Lafon, Gewinnerin des Prix Femina 2020, hat Recht, wenn sie sagt, dass ein Schriftsteller "ein Abenteurer des Wortes" ist. Anne-Marie Garat, Preisträgerin des Femina- und Renaudot-Preises für Gymnasiasten 1992, die 2008 freundlicherweise unserer Einladung zu dem von uns organisierten Tag bei der UNESCO im Rahmen des Internationalen Jahres der Sprachen zum Thema "Intellektuelle und Künstler für Mehrsprachigkeit und sprachliche und kulturelle Vielfalt" folgte, erklärte uns dasselbe: Schriftsteller sind Sprachschöpfer.

Der Fehler besteht darin, zu glauben oder glauben zu machen, dass die Schaffung von Sprache ein spontaner Prozess ist und dass es der Gebrauch ist, der neue Wörter schafft. In dieser Form gesagt, ist es ein netter Scherz. Nein, der Gebrauch mag am Ende die neuen Wörter bestätigen oder nicht, aber er ist in keiner Weise Teil der Mechanismen, die an der Quelle liegen und die den Gebrauch beeinflussen oder lenken werden.

Das Wort Cluster, über das wir schon viel gesprochen haben, verdankt sich also nicht dem Sprachgebrauch. Es wurde von Wissenschaftlern aus Gründen eingeführt, die weder linguistisch noch wissenschaftlich sind. Im Bereich der Naturwissenschaften schreiben die meisten Forscher ihre Artikel jetzt direkt auf Englisch, und sie haben einfach das englische Wort verwendet und bestimmt, dass es das zu verwendende Wort sei, was bei den Ministerkabinetten und den Medien Eindruck machte, so dass eine Zeit lang das englische Wort und das französische Wort "foyer" in denselben Sätzen koexistierten, was in dem Zusammenhang, und nur in diesem Zusammenhang mit der Pandemie seine genaue Entsprechung ist, um schließlich nur das englische Wort zu verwenden, da man dachte, dass es genügend wiederholt wäre, damit das Wort schließlich in den bereitwillig, wenn auch nicht immer bewusst rebellierenden Schädel der Franzosen eingegangen war. Im Falle des Clusters war der "Sprachbrunnen" also wissenschaftlich, wobei die Wissenschaftler eine schon in ihrem Prinzip sehr fragwürdige normative Rolle gespielt haben.

Aber es ist klar, dass hinter dem wissenschaftlichen Ukas ein Machtspiel steckt.

Machtverhältnisse sind heute präsenter als je zuvor in der Geschichte. Es ist bekannt, dass während der Renaissance viele italienische Wörter in die französische Sprache und alle europäischen Sprachen eingegangen sind. Dies war das Produkt der ersten italienischen Renaissance, in der die italienische Kultur hell erstrahlte, ohne die Unterstützung einer politischen Macht, sehr zum Bedauern von Dante, der mit Neid beobachtete, wie die französische Monarchie immer mehr Prestige und Macht bekam.

Die Lage der Sprachen in den europäischen Institutionen ist ein perfekter Ausdruck des Kräfteverhältnisses zur Zeit der letzten Erweiterungswelle der Europäischen Union in den Jahren 2005-2007. Kaum hatten sich die künftigen neuen Mitglieder von der Sowjetunion emanzipiert, sollten sie gleichzeitig der Europäischen Union und der NATO beitreten, die sozusagen zwei Seiten derselben Medaille waren. Es war nicht vorstellbar, dass die Verhandlungssprache eine andere als Englisch sein würde, zumal die Briten vor Ort waren. Hätten die Briten bei den Verhandlungen nicht das Ruder in der Hand gehabt, dann hätten die Rumänen ihre ursprünglich auf Französisch erstellten Bewerbungsunterlagen nicht auf Englisch umschreiben müssen. Vielleicht hatten andere Länder, wie die Tschechische Republik oder die Slowakei, die Mittel und den Wunsch, Deutsch zu verwenden. Aber wir schreiben die Geschichte nicht um. Tatsache ist, dass es ein geostrategisches Kräfteverhältnis war, das das gesamte sprachliche Gleichgewicht in der Europäischen Union kippte. Ein anderer geostrategischer Kontext, wie der heutige, hätte wahrscheinlich zu einem anderen Ergebnis geführt.

Offensichtlich sind in der Gegenwart andere, rein wirtschaftliche Faktoren am Werk. Zu Beginn dieses Artikels haben wir das Wort "Empowerment" erwähnt, obwohl es begrifflich fast nichts Neues in die sprachliche Materie einbringt, das uns in der französischsprachigen Welt zur Verfügung steht, und wahrscheinlich trifft dies auch auf unsere europäischen Nachbarn zu. Es ist einfach ein Modewort in den Vereinigten Staaten, das sowohl vom Marketing als auch von den sozialen Bewegungen getragen und von den sozialen Netzwerken verstärkt wird, was, wie Le Monde Diplomatique im Januar dieses Jahres schrieb, zur "Amerikanisierung der öffentlichen Polemiken" beiträgt, da es nichts mehr zu diskutieren gibt. Wir haben nicht auf den Hauch Amerikas gewartet, um von Partizipation (das Wort wurde 1968 von General de Gaulle popularisiert) oder partizipatorischer Demokratie, kollektivem Handeln, Herr sein von, Handelnder sein von, usf. zu sprechen.

Deshalb ist es wichtig, in der Lage zu sein, alle sprachlichen Bewegungen zu filtern, und zwar nicht auf normative Weise, was sinnlos wäre, sondern auf reflexive Weise, das heißt, sprachliche Bewegungen, im wesentlichen Anglizismen, zu verstehen und zu interpretieren, auch um das, was von außen kommt, willkommen zu heißen und das perfekte Atmen der Sprache, ihre Frische und Vitalität zu gewährleisten. Ein solcher Ansatz wird von der vom EFM eingerichteten Website unter dem Titel "Neues Wörterbuch der Anglizismen und Neologismen "2 vorgeschlagen, im Zusammenwirken mit normsetzenden Institutionen wie FranceTerme3. Einen ähnlichen, ebenso kritischen wie wohlwollenden Ansatz, zeigt Jean Pruvost in seinem kürzlich erschienenen Buch La story de la langue française - ce que le français doit à l'anglais et vice-versa4.

Auch diese Arbeit ist auch eine Demonstration der sprachlichen Souveränität. Und diese reflexive Arbeit muss, damit sie entstehen kann, von etwas sehr Starkem getragen werden, so stark, dass wir, um es zu bezeichnen, kein anderes Wort finden als Widerstand, den wir als individuelle und kollektive Entscheidung verstehen.

Diese Maßnahme ist entscheidend, aber es gibt noch weitere.

Das EFM veranstaltete zusammen mit der Universität Paris ein virtuelles Kolloquium über maschinelle Übersetzung und ihre gesellschaftlichen Einsatzmöglichkeiten. Alle Präsentationen und Diskussionen können online5 nachgelesen werden, bis zur Veröffentlichung als Buch, das in der Reihe Plurilinguisme erscheinen wird.

Es gibt zwei entscheidende Bereiche, in denen es wirklich viel zu tun gibt. Der erste ist die der europäischen Institutionen, der zweite ist der Bereich der Forschung und der wissenschaftlichen Veröffentlichung.

Was die europäischen Institutionen betrifft, so haben wir bereits festgestellt, dass, seit sich das Englische entgegen aller festgelegten Regeln als einzige Arbeitssprache durchgesetzt hat, wobei die anderen Sprachen nur Statistenrollen spielen, alle Redakteure, unabhängig von ihrer Muttersprache, in der Tat gezwungen sind, Übersetzungsarbeit auf erster Ebene zu leisten. Ihr Text in englischer Sprache wird dann von den Übersetzungsdiensten überarbeitet, und diese produzieren in der Muttersprache der Autoren einen Text, den sie selbst in Englisch geschrieben haben. So funktioniert das in Brüssel. Da es keine geschriebene Regel gibt, die diese Arbeitsweise vorschreibt, könnte der Autor aber seinen Text durchaus in seiner eigenen Sprache verfassen und gleichzeitig in Englisch und eventuell in einer oder zwei anderen Sprachen mit Hilfe von maschineller Übersetzung produzieren. Jeder professionelle Übersetzer weiß, dass dies möglich ist, und jeder erfahrene Benutzer dieser Werkzeuge, seien sie professionell oder fürs allgemeine Publikum, weiß, dass es durchaus machbar ist, solange der Autor selbst Korrektur liest, was selbstverständlich ist. Mit einer solchen Änderung der Arbeitsweise, die nur in den Zeiten Sinn machte, als es noch keine leistungsstarke maschinelle Übersetzung gab, würden nicht mehr 80 % der Texte der europäischen Dienste in englischer Sprache produziert werden.

In jedem Fall aber kann die automatische Übersetzung auch in der Kommunikation der Europäischen Kommission und der Europäischen Räte und der Europäischen Union vieles revolutionieren. Die Seiten der Plattform europa.eu würden endlich in 24 Sprachen zur Verfügung stehen, öffentliche Konsultationen würden endlich für alle europäischen Bürger zugänglich sein, und Pressemitteilungen und Schnellinformationen, die jeder durch einfaches Abonnement erhalten kann, würden endlich für alle zugänglich sein.

Ein weiterer Bereich, in dem die maschinelle Übersetzung eine Revolution herbeiführen kann, ist die Veröffentlichung von Forschungsarbeiten.

Die Situation ist eine ähnliche wie die der europäischen Beamten.

Um die großen internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften, die kommerzielle Unternehmen sind, zufrieden zu stellen, haben viele Forscher, besonders in den Naturwissenschaften, das Publizieren in ihrer eigenen Sprache aufgegeben und schreiben auf Englisch. Dies erleichtert zwar die Verbreitung von Artikeln in den wissenschaftlichen Zirkeln, die negativen Auswirkungen sind jedoch verheerend. Mindestens drei können angeführt werden. Die erste ist, dass die Sprache des Forschers, in der er forscht - man muss zwischen der Sprache der Forschung und der Sprache der Publikation unterscheiden -, nicht mehr in der Forschungsarbeit verwendet und nicht mehr mit neuen Konzepten gefüttert wird. Es ist dies, was Pierre Frath einen Verlust der Domäne6 nennt. Der zweite Effekt ist die Verhinderung der Verbreitung. Ein aufgeklärtes Publikum, das nicht selbst in der gleichen Disziplin forscht, kann wissenschaftliche Artikel in englischer Sprache nur schwer lesen, und wenn diese Arbeiten in Zeitschriften oder populärwissenschaftliche Bücher einfließen, sind die Dokumente mit englischen Begriffen durchsetzt, die nicht einmal umgesetzt werden, was es schwierig macht, die Forschungsergebnisse und ihre gesellschaftlichen Folgen zu verstehen. Der dritte Effekt ist, dass die Eroberung des wissenschaftlichen Verlagsmarktes durch oligopolistische kommerzielle Unternehmen dazu geführt hat, dass die Preise für Bücher so weit gestiegen sind, dass sie für Einzelpersonen oder für Universitäten mit unzureichenden Mitteln nicht mehr zugänglich sind. Die Wissenschaft ist damit konzeptionell und materiell von der Öffentlichkeit abgeschnitten. Nur die breite Zugänglichkeit wissenschaftlicher Publikationen und die Übersetzung könnten diese ungute Situation beheben.

Der Endeffekt des so eingeleiteten Prozesses ist nicht nur die Abtrennung der wissenschaftlichen Gemeinschaft von der Öffentlichkeit, sondern auch die Abwertung der von der Bevölkerung gesprochenen Sprache, die dadurch Gebiete des Wissens verlieren und in den rein privaten und familiären Gebrauch verbannt werden kann.

Die maschinelle Übersetzung kann heute helfen, diese Art von Schwierigkeiten zu überwinden.

Die maschinelle Übersetzung ist somit ein Mittel, um die volle Kontrolle über den eigenen sprachlichen Ausdruck zurückzugewinnen und gleichzeitig eine optimale Verbreitung der eigenen Arbeit zu gewährleisten.

Aber außer der autonomen maschinellen Übersetzung gibt es ja immer noch die eigentliche Übersetzung, denn die maschinelle Übersetzung ist nur eine Stütze für die Übersetzung, die die Fachleute für ihre eigenen Zwecke ausgiebig nutzen.

Im 12. Jahrhundert begann in ganz Europa eine gewaltige Übersetzungsbewegung, durch die Europa die Wissenschaften und die Literatur des antiken Griechenlands und der arabischen Welt entdeckte oder wiederentdeckte, und zwar zu einer Zeit, als die arabische Welt zwar politisch sehr gespalten war, aber intellektuell und wissenschaftlich blühte. Aus dieser gewaltigen Übersetzungsbewegung ging zwei Jahrhunderte später hervor, was man die Renaissance nannte.

Heute zeichnet sich ein neuer Trend im weltweiten Verlagswesen ab. Wie Patrick Chardenet7 feststellt, "ist die grundlegende Frage nicht die Kodifizierung von Fachartikeln, die Übersetzung zur Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen, vermeintlich universellen Sprache. Die Frage ist vielmehr die nach der Rezeption in dieser oder jener Sprache von Artikeln, die in dieser und jener Sprache produziert werden. Den Verstehensprozess eines in seiner Originalsprache stabilisierten Artikels in die Wege zu leiten, ist für den Forscher-Leser (und damit für seine wissenschaftliche Produktivität) sicherlich bereichernder, als den übersetzten Artikel zu akzeptieren, der mit dem in der Originalsprache identisch zu sein scheint. »

Zu einer aktiven Politik der Produktion in der Originalsprache und der Übersetzung fordert die französische Initiative Ouvrir la science8 auf. Auch das ist ein Mittel der sprachlichen Souveränität.

Vielleicht brauchen wir eine neue intellektuelle und moralische Reform? Aus dieser Sicht sind die Anhebung des sprachlichen Niveaus der gesamten Bevölkerung, die Entwicklung des Unterrichts der modernen Sprachen im Rahmen der mehrsprachigen und interkulturellen Bildung, d. h. die wirkliche Arbeit an der Sprache, und die Entwicklung der Übersetzung die vorrangigen Instrumente für die Wiedererlangung der sprachlichen Souveränität, die eindeutig unverzichtbar, wenn nicht sogar lebenswichtig ist.

1Michel Serres - Défense et illustration de la langue française aujourd'hui, 2018, p.55

2https://nda.observatoireplurilinguisme.eu/

3http://www.culture.fr/franceterme

5https://www.youtube.com/playlist?list=PLmN0_lzOfsIizZXO4v6U7itsgDvNp6vNk

6Pierre Frath, 2017, « Anthropologie de l’anglicisation des formations supérieures et de la recherche », dans Plurilinguisme et créativité scientifique, collection Plurilinguisme.

8https://www.observatoireplurilinguisme.eu/dossiers-thematiques/education-et-recherche/23--sp-607/14370-le-multilinguisme-et-la-science-ouverte-actualit%C3%A9s-du-comit%C3%A9-16-12-2020