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Edito

Wenn Europa aufwacht! (II)

Zuletzt aktualisiert: 10 Okt 2017

Wir müssen die Sprache wieder benutzen!

Der Schriftsteller Laurent Binet erinnert in seinem humor- und talentvollen Thriller Die siebte Funktion der Sprache daran, dass die Sprache ein Machtfaktor ist, eine Funktion, welche die Linguisten lange ignorierten. In dieser Hinsicht war Europa, oder eher die Europäischen Gemeinschaften, aus denen die Europäische Union entstand, schon immer stumm, hoffnungslos stumm, was die Geschäfte der Welt und ihre eigenen betrifft.

Dieser Befund wurde schon vor langem gemacht. Er ist für niemanden ein Geheimnis. Die Europäische Union hat sich selbst nie anders gedacht als « eine politische und militärische Verlängerung der amerikanischen Macht », wie Régis Debray sich ausdrückt. War es so, dass die Überwindung der Trümmer des 2. Weltkriegs die europäischen Nationen dazu verdammte, auf ewig Lehensleute zu sein und sich so aufzuführen? Diese Worte sind hart. Die Landung in der Normandie trug den Codenamen « Overlord ». Was bedeutet aber « Overlord »? Lehnsherr. Ein starkes Symbol, das dem Zusammenleben 70 Jahre lang sein Gepräge gab. Aber die Zeiten ändern sich. Die Europäer scheinen zu bemerken, dass das Vasallentum nicht nur Vorteile hat.

Wenn also Europa als eine Gruppe von Nationen, die der Zustand der Welt dazu zwingt, ihr Schicksal gemeinsam in die Hand zu nehmen, zu sprechen anfangen würde, wäre das für alle eine gute Nachricht.

Die Wochenschrift Le Point gibt ihrer Sonderausgabe vom 21. September den Titel Françallemagne, der historische Pakt. Aus den verschiedenen Reden des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, vor allem der letzten in der Sorbonne, weht ein neuer Wind. Gleichzeitig folgt er einer jahrhundertealten historischen Kontinuität. Was die unmittelbare Vergangenheit betrifft, welche außerordentliche Nähe zu den Reden, die zum deutsch-französischen Vertrag 1963 gehalten wurden, deren hohe Ziele durch die Zeitläufte in Schranken gehalten wurden! Nie war die Rede davon, dass Deutschland und Frankreich gemeinsam Europa anführen. Aber nichts Ernstes ist ohne Deutschland und Frankreich zu unternehmen. Es ist Aufgabe beider Länder, ohne dass sie dazu das Monopol hätten, Vorschläge und Inspirationen zu unterbreiten. Nichts anderes stand im Élysée-Vertrag. Welche Nähe auch zum Kopenhagener Dokument über die europäische Identität vom 14. Dezember 1973, das die 9 Mitgliedsländer (die 6 Gründerstaaten plus Vereinigtes Königreich, Irland und Dänemark, die gerade beigetreten waren) und die künftigen neuen Mitglieder verpflichtete!

Zum Beispiel:

« 6. In der Vergangenheit konnten die europäischen Länder auf der internationalen Bühne einzeln eine bedeutende Rolle spielen; heute sehen sie sich jedoch weltpolitischen Problemen gegenüber, die sie schwerlich allein lösen können. Die in der Welt eingetretenen Veränderungen und die wachsende Zusammenballung von Macht und Verantwortung in den Händen ganz weniger Großmächte verlangen, daß Europa sich zusammenschließt und mehr und mehr mit einer einzigen Stimme spricht, wenn es sich Gehör verschaffen und die ihm zukommende weltpolitische Rolle spielen will.

8. Ein wesentliches Ziel der Neun ist die Erhaltung des Friedens; sie werden dieses Ziel jedoch nie erreichen, wenn sie ihre eigene Sicherheit vernachlässigen. Diejenigen unter ihnen, die Mitglieder des Atlantischen Bündnisses sind, gehen davon aus, daß es gegenwärtig keine Alternative zu der Sicherheit gibt, die die Kernwaffen der Vereinigten Staaten und die Präsenz der nordamerikanischen Streitkräfte in Europa gewährleisten, und stimmen darin überein, daß Europa angesichts seiner relativen militärischen Verwundbarkeit, wenn es seine Unabhängigkeit bewahren will, seine Verpflichtungen einhalten und in ständiger Anstrengung darauf bedacht sein muß, über eine angemessene Verteidigung zu verfügen.

14. Die bestehenden engen Bande zwischen den Vereinigten Staaten und dem Europa der Neun, die einem gemeinsamen Erbe entspringende Werte und Ziele teilen, bringen beiden Seiten Nutzen und müssen gewahrt bleiben. Sie berühren nicht die Entschlossenheit der Neun, als ein eigenständiges, unverwechselbares Ganzes aufzutreten. Die Neun wollen ihren konstruktiven Dialog mit den Vereinigten Staaten beibehalten und ihre Zusammenarbeit mit ihnen auf der Grundlage der Gleichberechtigung und im Geiste der Freundschaft weiterentwickeln. »

Dieser Text liest sich, als sei er heute geschrieben, oder beinahe. Denn der geostrategische Kontext hat sich gewaltig verändert. Aus diesen schönen Vorsätzen ist nichts Konkretes geworden, oder fast nichts, weil die Behauptung einer politischen Rolle Europas, eines souveränen Europa von souveränen Staaten, nicht vereinbar war mit der Struktur der NATO und der daraus resultierenden Ausrichtung.

Diese Ausrichtung erreicht ihren Höhepunkt mit dem Angriff auf den Irak, der von fast allen damaligen Regierungen gutgeheißen wurde, wenn man vom französischen Veto im Sicherheitsrat und von der Position der deutschen Bundesregierung von Gerhard Schröder absieht, der sich zurückzog und erklärte, nicht ohne ein Mandat der UNO teilzunehmen. Das war ein historischer Augenblick: eine europäische öffentliche Meinung war entstanden und eine zunehmende Kluft zwischen den europäischen Regierungen und ihren öffentlichen Meinungen hatte begonnen.

Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinabgeflossen. Unnötig, an die wichtigsten Ereignisse seit 1973 zu erinnern, die die geostrategischen Gleichgewichte und den Blick der Europäer auf die Welt und ihren amerikanischen Verbündeten veränderten: Ende des Vietnamkriegs (1975), 40 Jahre Krieg in Afghanistan (von 1979 bis heute), Zusammenbruch des sowjetischen Blocks (1989), die beiden Irakkriege (1990-1991, 2003-2011) und die Ausdehnung der Konflikte im Nahen Osten (von 2014 bis heute), die Erweiterung der Europäischen Union von 9 auf 28 Staaten, der Zerfall Jugoslawiens, der Brexit, usw.

Aber wahr ist, dass die Sprache nicht genügt. Das Wort ist nur ein Anfang.
Betrachten wir die gegenwärtigen Kräfte und beschränken wir uns auf die USA, Europa und Russland.
Russland ist die Obsession der amerikanischen Eliten. Was ist seine reale Stärke?
- Militärausgaben (in Milliarden Dollar, Prozente bezogen auf mehr als 80% der globalen Militärausgaben des Jahrs 2015): USA: 611, 45,98 %; Europa (Frankreich + Vereinigtes Königreich + Deutschland + Italien) 173, 12,72 %; Russland 62,9, 5,09 %.
- BIP (Bruttoinlandsprodukt in Milliarden Dollar, Prozente bezogen auf das globale BIP 2015): Europäische Union : 18 812, 25,22 %; USA: 18 562, 24,88 %; Russie : 1 325, 1,78 %.

Russland stellt also das 1,25-fache der Militärmacht Frankreichs dar und 40% derer der vier größten europäischen Mächte; kaum mehr als ein Zehntel der Macht Amerikas. Pro Einwohner verbraucht das Land halb soviel wie Frankreich und fünf Mal weniger als die USA. Am BIP gemessen stellt Russland 12% der Europäischen Union dar, 55% Frankreichs und 40% Deutschlands. Der von einer gewissen Propaganda so beschriebene Schwarze Mann ist also nichts als ein Papiermonster.

Aber die materielle Stärke genügt nicht. Die Ausstrahlungskraft, die Einflussmöglichkeiten, die « soft power » zählen ebenso, was uns wieder zum Wort bringt.

Für Russland ist es außerordentlich wichtig, Einflussmöglichkeiten wiederzuerlangen, die über seine begrenzten militärischen Möglichkeiten hinausgehen. Was die USA betrifft, was ist aus ihrer soft power geworden, nach der Anhäufung der weiter oben rapide erwähnten Desaster. Und Europa?

In einer von der Tageszeitung Libération am 26. November 2011 initiierten Debatte zum Thema « Kann die Kultur Europa einen Sinn geben? » hatte Umberto folgende Überlegung angestellt: « Europäer zu sein ist etwas, was man spürt, wenn man anderswo ist. Das ist mir in den USA passiert. Bei einer Party, nach einigen Gläsern, stürzen Sie sich auf den erstbesten Norweger um zu plaudern, mit dem Gefühl dass man sich besser versteht. Selbstverständlich handelt es sich dabei um eine gefühlte Identität auf kultureller Ebene. Das ganze Problem ist es zu erreichen, dass alle so fühlen. »
Nichts hindert heute Europa, mit einer Stimme zu reden, im Geist des Kopenhagener Dokuments.
Das ist das ganze Problem.

In einem Interview von 1965 erklärte General De Gaulle, dass die Größe Frankreichs es sei (welche Bedeutung hat dieses Wort « Größe »?), überall für den Frieden und die Zusammenarbeit zu plädieren. Das war die Ambition des Landes und es konnte keine andere sein. Heute kann man dasselbe von Europa sagen, wenn man das soziale Modell dazunimmt, die nachhaltige Entwicklung oder die volle und ganze Verantwortung für unseren Planeten.

Die Spielverderber werden sagen, dass Frankreich Europa nur als ein großes Frankreich sieht. Aber ganz im Ernst, gibt es ein größeres Projekt für Europa als das, für den Frieden, die Zusammenarbeit und die Erhaltung unseres Planeten zu plädieren und zu agieren und sich dafür der inneren und äußeren Mittel zu versichern. Das ist sicher nicht die einzige Neuerung der Rede in der Sorbonne (beispielsweise die Partnerschaft mit Afrika), aber es ist notwendig, die Aufmerksamkeit auf den Platz zu lenken, den die Kultur, die Sprachen und die Mehrsprachigkeit einnehmen. Dieser ist ganz sicher ein gewaltiger.

Dieses Europa kann sich nicht mit einer lingua franca identifizieren. Es kann nur vielsprachig und auf seine Sprachen gegründet sein.