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Edito

Wenn Europa aufwacht! (Ende)

Zuletzt aktualisiert: 7 Dez 2017

Die Kultur zuerst!

In „Bug“, seinem neuen Comic, entwirft der Zeichner und Drehbuchautor Enki Bilal eine Welt, in der durch einen gigantischen Informatikfehler alles Leben abstirbt. Über die ausgedachte Katastrophe hinaus erklärt er in seinem Interview mit der Tageszeitung Le Monde vom 28. November: „Die Informationstechnik unseres digitalen Zeitalters ist die neue Sucht, mit der wir alle geschlagen sind. Ich habe gelesen, dass ein heute geborener Junge, wenn er 20 ist, nur mit großer Schwierigkeit den Blick auf einen anderen Menschen richten kann, weil er sehr früh und zwanghaft jene Beziehung mit den Bildschirmen aufgebaut hat.“ Und er fährt fort: „Wir leben in einer aufregenden Zeit, aber wir haben alle ein schweres Trauma abbekommen, ohne es zu merken. Der Einbruch der Informationstechnik bedeutet das Ende einer Welt. Sie hat einen großen Teil der Überlieferung der Kultur abgeschnitten. Es wird nicht mehr gelesen. Das 20. Jhdt. – ich habe diesen Eindruck – ist einer ganzen Generation junger Leute, die mit der IT aufgewachsen sind, gänzlich verschlossen. Für sie beginnt die Welt jetzt und heute.“

Der Verlust der Überlieferung der Kultur ist eine Frage, die es verdient, näher betrachtet zu werden.

Man könnte einwenden, dass es ohne die IT unmöglich wäre, auf so einfache Weise an ein immenses kulturelles Erbe zu gelangen, wie es heute allen offensteht.

Ein Beispiel: um 1920 formte der österreichische Künstler die oben abgebildete Plastik mit dem Titel Mechanischer Kopf. Das Centre Pompidou erklärt dazu: „Indem Raoul Hausmann sie in einem 1967 veröffentlichten Text Der Geist unserer Zeit, 1919 beschreibt, bewirkt er die Festlegung eines endgültigen Datums und eines ebensolchen Titels. Der hölzerne Kopf ist mit verschiedenen Gegenständen geschmückt, darunter einem Stück Meterband und einem kleinen weißen auf die Stirn geklebten Pappschild mit der Zahl 22, das einen Geist der Zeit evoziert, der auf eine simple 'digitale Bedeutung' reduziert ist.“ Das Digitale fasziniert also nicht erst seit heute; diese Art von Befürchtungen finden sich in nicht wenigen literarischen oder künstlerischen Werken dieser Zeit, übrigens besser erkannt als in wissenschaftlichen Publikationen.

Gehen wir noch weiter zurück. Wieder ist es die IT, die es uns ermöglicht, mit zwei Mausklicks die Straßburger Eide zu lesen. Durch diese an einem gewissen 14. Februar 842 zwischen zwei Enkeln Karls des Großen geschlossene Allianz wird die an Konfliken und Versöhnungen gesättigte zukünftige Karte Europas schon angedeutet. Man sieht die Eide auch als Geburtsdokument der romanischen Sprache, aus der sich das moderne Französisch entwickelt. Sie folgen schließlich einer Symbolik, die Unterrichtsstoff in Lehranstalten für Kommunikation sein könnte. Der Romanschriftsteller Pascal Quignard schreibt (Les Larmes, Grasset, 2016, S. 124-125): „3. Der deutsche König, Ludwig der Deutsche, der ältere der beiden, schwört den Eid auf französisch (in lingua romana) in Front der Truppen seines Bruders. 4. Der französische König Karl der Kahle, der Nachgeborene, schwört den Eid auf deutsch (in lingua teudesca) vor den Truppen seines Bruders. 5. Die Anführer – lateinisch duces – der germanischen Frankenstämme sagen vor ihren Truppen , in ihrer rustikalen Sprache (in lingua rustica, d.h. in ihrer eigenen Sprache, für die deutschen Stämme ist das das Proto-Deutsche), den Pakt bis zum Tod, der zwischen den Königen geschlossen wurde, damit alle deutschsprachigen Krieger seinen Sinn verstehen. 6. Die Anführer – lateinisch duces – der „französischen“ Frankenstämme sagen vor ihren Truppen , in ihrer rustikalen Sprache (in lingua rustica, d.h. in ihrer eigenen Sprache, für die französischen Stämme ist das das Proto-Französische), den Pakt bis zum Tod, der zwischen den Königen geschlossen wurde, damit alle französischsprachigen Krieger seinen Sinn verstehen.

Lächerliche Symbolik? Vielleicht nicht. Wenn im Wochenmagazin Le Point in der Ausgabe vom 21. September 2017 (Françallemagne, le pacte historique) der ehemalige deutsche Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer erklärt: „Man muss die Geschichte der beiden Länder sehen: zwei karolingische Nationen, die nach allen Kriegen, die sie gegeneinander geführt haben, auf eine beinahe existenzielle Weise voneinander abhängig sind“, bezieht er sich implizit auf die Straßburger Eide und all ihre Symbolik.

Das ist natürlich nur möglich durch die Sprache und die Schrift. Man schätzt die Gewalt der Rede nicht hoch genug ein.

Als an einem gewissen 18. Juni 1940 General de Gaulle von London aus zum Widerstand aufruft, erreicht diese Botschaft nur wenige Menschen. Es waren aber genug da, die ihre Tragweite verstanden, sie verbreiteten und aktiv wurden.

Wir haben es hier nicht mit dem Shannonschen Kommunikationsschema zu tun, auf das man noch allzuoft die Sprache reduziert, als Sendung und Empfang von Informationen, gefolgt von effizienter Verarbeitung der empfangenen Information. Damit reduziert man auf elegante Weise die Sprache auf ein beinahe mechanisches Werkzeug, was wiederum unsere oben erwähnte Plastik Mechanischer Kopf ausdrückt. Es geht um etwas ganz anderes.

Der Appel des 18. Juni 1940 hat enorme historische Auswirkungen, aber hier ist nicht der Ort, darüber zu reden. Und wenn man den Appel des 18. Juni mit der deutsch-französischen Aussöhnung zusammenbringt, die durch den Vertrag von 1963 zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle besiegelt wurde, findet man nach mehr als 1000 Jahren fast identisch die Symbolik der Straßburger Eide wieder.

Es ist deutlich geworden, die Sprache als Rede ist alle Erinnerung und alles Verständnis der Welt.

Aber ein Europäer soll nicht eurozentrisch sein. Es braucht auch nur zwei Mausklicks, um zum digitalisierten Teil der Manuskripte von Tombuktu zu gelangen, die den Zerstörungen entgangen sind. Geschriebenes Gedächtnis von Westafrika und der Sahara, wo man z.B. unter 32 der Öffentlichkeit zugänglichen Manuskripten einen TITLE+@od1(Commercial+agreement++Slave+Trade+))">Handelsvertrag findet, bei dem es um Sklavenverkauf und -transport zwischen der Stadt Tombuktu in Mali und der Stadt Ghadamas in Libyen geht. Die schrecklichen Fernsehbilder der letzten Tage kommen nicht aus dem Nichts.

Man unterschätzt im allgemeinen die Kraft des Geschriebenen und der Kunst. Wenn jedoch Bücher verbrannt oder Kunstwerke und Symbole zerstört werden, geschieht dies als ein Angriff auf die Erinnerung der Völker, also auf ihre Existenz. In neuester Zeit, sei es die Zerstörung der Buddhas von Bamiyan 1999, die Plünderung der irakischen Museen während der amerikanischen Invasion oder die Zerstörung von Palmyra durch Daech, immer ging es darum, die sie tragenden Kulturen und Sprachen zu treffen, d.h. die Erinnerung der Völker und der Menschheit insgesamt. Es ging darum, die Überlieferung zu unterbrechen. Für uns sind diese programmierten Überlieferungsbrüche pure Barbarei. Ob nun im Namen ziviler oder religiöser Diktatoren oder „demokratischer“ Mächte begangen, bleiben solche Handlungen immer Barbarei.

Aber die Sprache ist überall und lässt sich nicht so leicht greifen. Sie kann eine furchtbare Waffe sein. Die größte bekannte (und zugegebene) staatliche Lüge aller Zeiten, abgesprochen zwischen den damaligen Regierungen der USA und Großbritanniens, mit der General Colin Powell, Verteidigungsminister der USA, den Sicherheitsrat der UNO am 5. Februar 2003 von der Existenz von Massenvernichtungswaffen überzeugen konnte und damit den Zweiten Irakkrieg auslöste, war ebenso eine Barbarei wie dieser Krieg selbst. Die Sprache als Rede ist also eine Handlung, die die Wirklichkeit im Guten wie im Schlechten verändern kann.

Und schließlich, was ist die Sprache ohne Kultur: nichts als ein Zeichensystem, das einfacher ersetzt oder zerstört werden kann. Deshalb sind gewisse Leute so sehr darauf aus, das Untrennbare zu trennen. Wenn aber die Sprache ohne Kultur nichts ist, dann ist auch die Kultur ohne Sprache nichts.

Und die heutzutage so wenig geachtete Allgemeinbildung, was ist sie anderes als das Verständnis der Welt, in der wir leben, indem bedeutungsvolle Verbindungen gezogen werden, indem gefragt wird, gesucht, analysiert, relativiert, abgewogen, geurteilt, eingeschätzt, organisiert, sich empört, sich aufgelehnt, usw. Auch die Technik ist nichts ohne die Kultur, zu der sie gehört, oder sie wäre eine Barbarei mehr. Sprache ist Medium, wie Luft und Wasser. Deshalb sind die Sprachen und Kulturen eine der Dimensionen der „nachhaltigen Entwicklung“. Und für das durch seine Sprachen so reiche Europa gibt es keinen anderen Weg. (Schluss)