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Französische Reform des Fremdsprachenunterrichts, eine Ausweitung der Vielfalt?


Zuletzt aktualisiert: 25 Sep 2015

Die Reform der Mittelstufe in Frankreich, in die Wege geleitet von der Erziehungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, ist, was die Belange des Sprachunterrichts betrifft, ein glänzendes Beispiel einer widersprüchlichen Politik, die ihre ehrgeizigen Ziele proklamiert, ohne jedoch die Mittel zu ihrer Umsetzung bereitzustellen.
Diese Reform will auf zweifache Weise das Sprachenniveau anheben:
- in der Primarschule soll Sprachunterricht bereits in der 1. Klasse beginnen, nicht wie bisher in der 2. Klasse
- in der Mittelstufe soll der Unterricht in der zweiten Fremdsprache in der 7. Klasse und nicht wie bisher in der 8. Klasse beginnen. Im ersten Reformentwurf war vorgesehen, dass die Schüler in drei Jahren die gleiche Stundenzahl wie bisher in zwei Jahren absolvieren sollten, aber eine erhebliche Protestwelle bewirkte, dass jetzt statt den vorgesehenen zwei zweieinhalb Wochenstunden geplant sind (bisher drei Wochenstunden über zwei Jahre).
Es ist also in der gesamten Schulzeit eine effektive Erhöhung der Stundenzahl für den Sprachunterricht zu verzeichnen:
Durch die Vorverlegung des Beginns des Fremdsprachenunterrichts in die 1. Klasse bekommen die Schüler 54 Stunden mehr Unterricht, in der Praxis fast ausschließlich in Englisch, und zwar eineinhalb Wochenstunden über 36 Wochen.
Durch die Verlängerung des Unterrichts in der zweiten Fremdsprache auf drei Jahre und zweieinhalb Wochenstunden statt zwei erhöht sich die Stundenzahl um 54 in der Mittelstufe, wobei von den Pädagogen eingewendet wird, dass zweieinhalb Wochenstunden unterhalb des Minimums für einen effektiven Unterricht liegen.
Des weiteren wurde am 26. August von der Ministerin ein Rundschreiben veröffentlicht, mit dem Inhalt, dass in allen Schulbezirken Fremdsprachenkarten erstellt werden sollen, die dazu dienen, einen vielfältigen Sprachunterricht anzubieten und « im Bereich des Möglichen eine Auswahl von Fremdsprachen schon ab der 1. Klasse » bereitzustellen. Diese Vielfalt soll insbesondere den Sprachunterricht in Deutsch befördern. Es wird betont, dass « alle Schüler, die in der Primarstufe eine andere Fremd- oder Regionalsprache als Englisch zu lernen begonnen haben, die Möglichkeit haben sollen, diese in einem bilingualen Zug schon ab der sechsten Klasse weiterlernen zu können. »
Eine solche Vielzahl von hehren Vorhaben wäre warm zu begrüßen, wenn diese positiven nicht von negativen oder von fehlenden konkreten Maßnahmen fast oder völlig aufgehoben würden.
Was die Primarstufe betrifft, so ist höchst befremdlich, dass die lebenden Sprachen nicht in den Aufnahmeprüfungen für die Pädagogischen Hochschulen berücksichtigt werden. Es wird nur erwähnt, dass « auch ein gutes Niveau in einer Fremdsprache erwartet wird », wobei hinzugefügt werden muss, dass zur Zeit in den Ausbildungsplänen der Pädagogischen Hochschulen für Primarschullehrer keinerlei Sprachausbildung auftaucht. Es ist zum Beispiel konkret festzustellen, dass in den Lehrplänen des Schulbezirks Versailles eine Ausbildung in Englisch nur für Mittelschullehrer vorgesehen ist, in Deutsch dagegen überhaupt noch keine, es steht an dieser Stelle « im Aufbau ». Anders gesagt: man verlangt zur Zeit von den künftigen Primarschullehrern weniger als von den Abiturienten.
So ist kaum vorstellbar, dass die Grundschüler einen guten Sprachunterricht genießen können, und noch weniger, dass in den Grundschulen eine andere Sprache als Englisch unterrichtet wird, außer in einigen Départements im Osten Frankreichs. Es hat allen Anschein, dass das Rundschreiben zu den Fremdsprachenkarten eine reine PR-Maßnahme ist und dazu dient zu zeigen, dass europäische Verpflichtungen zur frühen Erlernung von Fremdsprachen erfüllt werden. Wir wissen aber schon länger, und zwar durch einen Bericht der nationalen Schulinspektion, dass seit dem Beginn des Fremdsprachenunterrichts in den Primarschulen keine sichtbare Auswirkung auf das Niveau der Schüler zu beobachten ist, insbesondere in Englisch, wenn sie in die 6. Klasse versetzt werden, im Gegenteil. Den Sprachenunterricht in der Grundschule auszubauen, ohne die Lehrkräfte dafür auszubilden ist eine Absurdität und eine erschreckende Verschwendung von öffentlichen Mitteln. Oder weniger scharf gesagt: das Ministerium verlässt sich auf diejenigen Grundschullehrer, die aktivistisch und heldenhaft von der strategischen Bedeutung der lebenden Fremdsprachen überzeugt sind, die aber selbstverständlich der nationalen Unterrichtssprache untergeordnet sind. Das ist eine wenig professionnelle Haltung des Erziehungsministeriums, das in den Fremdsprachen eher eine schöne Zierde zu sehen scheint, als deren erhebliche Bedeutung.
In der Mittelstufe bewirkt die Abschaffung der bilingualen Züge, dass diejenigen Schüler, deren Familien sich keine Privatschule leisten können, von den Eliteausbildungen in Fremdsprachen abgeschnitten sind. Die bilingualen Züge waren von der 6. Klasse an sowohl der Beginn einer Eliteausbildung in Fremdsprachen, als auch ein Hebel für die Ausweitung der Sprachenvielfalt, und zwar deshalb, weil die pädagogische Kontinuität von der Grund- zur Mittelstufe abgesichert war und deshalb die Sprachenvielfalt in der Grundschule mit Gelassenheit vorgesehen werden konnte. Indem es die bilingualen Züge abschafft und praktisch die Mittel nicht bereitstellt, die Sprachenvielfalt in der Grundschule garantieren könnten, begibt sich das Ministerium in Widerspruch zu sich selbst, tötet jegliche Perspektive einer Ausweitung der Vielfalt und konsolidiert das fast absolute Monopol des Englischen.
Ohne Zweifel spielen bei der Abschaffung der bilingualen und der europäischen Züge auch ausgabenpolitische Überlegungen des Ministeriums mit, aber es ist auch eine Politik der Überzuckerung und der Ineffizienz.
Qualität und Effizienz erfordern eine andere Strategie:
- Ausbildung der Primarschullehrer
- Wiedereinführung und Ausbau der bilingualen Züge
- ein Generalplan für die Ausweitung der Sprachenvielfalt mit dem Einsatz von Karten in jedem Schulbezirk mit einer Gültigkeit von drei bis fünf Jahren
Natürlich hat das seinen Preis, aber es ist der Preis einer anspruchsvollen Politik und eine Investition in die Zukunft.